von Dominik Opalka

Während er den Beipackzettel las, mischte sich unter das entschlossene Gefühl der Notwendigkeit, jenes Gefühl, das er schon lange nicht mehr verspürt hatte, das Verkrampfen der Stirngegend, durch das sich Tränen ankündigen, gegen welches er jedoch nicht anzukämpfen brauchte, da es schnell wieder verschwand.

Unter den großen Kastanienbäumen spielten zwei Kinder mit Wasserpistolen, stießen Schießgeräusche zu ihren Wasserfontänen hervor und rollten sich auf dem Boden ab, wie sie es wahrscheinlich in einer TV-Sendung gesehen hatten. Hierzu etwas zu sagen, kam für ihn nicht in Frage, denn würde er sich aus der Defensive begeben und die Kinder ansprechen, stellte er seine scheinbar überlegene Position in Frage, die er, gerade in diesem Moment, auf keinen Fall preisgeben wollte.

Das Geländer des Balkons war morsch geworden mit den Jahren und während er die Augen zukniff, da das Sonnenlicht durch seine Brille hindurch blendete und somit das unerwartet schöne Gefühl vertrieb, das die Erinnerung an die Zeiten, als er hier eingezogen war, hervorgerufen hatte, bekam er unter den leichten Windhauchen eine Gänsehaut, jetzt wieder das Geländer fixierend.

Eine Spinne, die er schon einige Zeit beobachtet hatte, beendete gerade ihre Arbeit an einem Netz, das sie fachmännisch zwischen der Regenrinne und dem Balkongeländer aufgespannt hatte. Sein Entschluss, solange auf dem Balkon sitzen zu bleiben, bis die Belohnung für die Arbeit seines achtbeinigen Freundes sich in der klebrigen Netzmasse verfing, war einer von vielen Entschlüssen, die er an diesem Tag so schnell verwarf, wie sie aufkamen.

Bei der Vorstellung des Aussaugens der Beute durch die Spinne, die sich nun assoziativ in seinem Gedankengang geschlichen hatte, überkam ihn ein Gefühl von Ekel und er kam sich komisch dabei vor, einen Prozess der Natur innerlich so zu verurteilen.

Das Vorhaben, sich etwas zu trinken zu holen, beendete er noch in der Bewegung des Aufstehens, er hatte zu wenig Kraft und die glühende Sonne raubte ihm jeden Ehrgeiz, den er benötigt hätte.

Nun rollten doch Tränen über seine Wangen und er erschrak, da er erst nach dem Grund hierfür suchen musste, eine verwirrende Tätigkeit in seinen immer schneller werdenden Gedankengängen, einem Propeller eines Kleinflugzeuges gleich und als er ihn gefunden hatte, stand er doch auf, um ein Glas Wasser zu holen, um jenen Grund zu unterdrücken und ihn durch eine simple Tätigkeit erneut wegzuschließen.

In seiner kleinen Küche angelangt, fand er kein geeignetes Glas, das auf der einen Seite sauber und auf der anderen Seite seinen Durst genau zu dem Level, zu dem er es wollte, befriedigen konnte.

Er kam sich ziemlich bescheuert und arrogant vor, sich über so etwas noch Gedanken zu machen, aber sein Unterbewusstsein spendete ihm so noch die wenige, kostbare Zeit.

Beim Spülen eines Glases, welches seine Ansprüche erfüllte, drang Spülmittel in seine Wunden an den Händen und der Schmerz ließ ihn erneut an seiner Basis zweifeln.

Unkontrolliert rasten seine Gedanken weiter und nun stachen Bilder vor seinen Augen auf ihn ein, immer tiefer und immer heftiger und aus reinem Selbstschutz schleuderte er das Glas nach ihnen, das ihm jedoch nicht den Gefallen tat, als ein Verbündeter die Feinde abzuwehren, sondern weckte durch das Geräusch, das zerschellendes Glas zu einem einzigartigen Hörerlebnis macht, auch die Töne und Stimmen, die zu den Bildern passten, jedoch vorher in der hintersten Ecke seiner Erinnerung geschlafen hatten.

Ein zusammenhängender Film, der sich vor seinem geistigen Auge formte, zwang ihn auf die kalten Fliesen. Es war ein Film, den er schon gefühlte tausend Male gesehen hatte, aber nicht, weil er ihm so gut gefiel, sondern weil er als Hauptdarsteller mitgespielt hatte.

Die Szene, in der das Auto gegen den Baum kracht, die mit so schnellen Kameraschnitten gedreht worden war, dass man sie schwer nachvollziehen kann, in der man ihn sieht, wie er am Anfang das Lenkrad herumreißt und am Ende neben seiner toten Freundin ins Mobiltelefon schreit und das Gelabere des Polizeipsychologen mit hysterischem Lachen kommentiert, brachte einen Sturzbach von Tränenflüssigkeit auf die Fliesen.

So stand er tränenverschmiert auf, ging auf den Balkon und schluckte die sieben Tabletten, zu welchen ihm ein Besucher eines Internetforums den Rat gegeben hatte, dass „sieben davon reichen“ würden, versehen mit einem zwinkernden Smiley am Ende.

Das Rasen in seinem Kopf wurde langsamer, fiel auseinander und wie bei einer Ohnmacht wurde ihm schwummerig.

Er knallte mit dem Hals auf das Balkongeländer und das polternde Geräusch unterbrach die beiden Kriegsveteranen im vergnügten Spiel.

Sie waren die einzigen Zeugen seines letzten Atemzuges auf dieser Erde, der jedoch wider aller Erwartungen ein Gefühl von tiefer Zufriedenheit als Abschiedsgruß hinaus in die milde Abendluft blies.


  1. Muhammad D.M.

    Weise, sehr weise!

    Das könnte man, drucken lassen und allen Hofmeistern empfehlen. Greifen die Kinder nicht nach allem, was ihnen in den Sinn fällt?

    Aber hätte ihn Gott nicht doch besser durch der kleinen Kinder Nähe getröstet, als auf die Distanz, um ihn von seinem endgültigen Vorhaben abzubringen: Die Kleinen ließen ihn nicht lange in Ruhe, sie verfolgten ihn, sprangen an ihm hinauf, erzählen ihm, daß, wenn morgen, und wieder morgen, und noch ein Tag wäre.

    Hochachtungsvoll Ihr alter Freund Muhammad D.M.

    Ihr Geist, Ihre Wissenschaften, Ihre Talente, was bieten die Ihnen für mannigfaltige Ergetzungen dar!

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