von Martina Bethe-Hartwig

„Grabräuber.” Max Seehausen, Professor der Archäologie, schüttelte sein Stofftaschentuch aus und wischte sich die Schweißperlen aus dem Gesicht und vom Nacken.

„Das gibt es doch nicht, verdammt.” Michael Gerber, Seehausens Assistent, drängte hinter ihm in die Grabkammer. „Sechs Gräber, allesamt geschädigt und geplündert, und nun das Ganze schon wieder. Irgendwie gelingt es uns nicht, den großen Fund zu machen.”

Die Strahlen zweier Taschenlampen tasteten durch den Raum, in dem die Luft stickig und abgestanden roch, eine Luft, in der Tausende von Jahren zu schlafen schienen.

Seehausen presste die Lippen zusammen, als sein Strahl über den Sarkophag glitt, einen Sandsteinblock mit Relief und Schriftzeichen erfasste und schließlich an vier tönernen Vasen hängen blieb, die mit Deckeln in Form eines Menschenkopfes und dreier Tierköpfe verschlossen waren.

„Immerhin scheinen die Kanopenkrüge und der Sarkophag unbeschädigt… sogar unberührt, soweit ich es bei diesem Licht erkennen kann”, sagte er. „Sonderbar. Anscheinend haben die Grabräuber hier keinen Wert auf die Kostbarkeiten im Sarginneren gelegt.”

„Dann ist wenigstens dieses Mal noch etwas für uns übrig geblieben.” Gerbers Taschenlampenstrahl hüpfte zu einer Gruppe kleinkindergroßer Steinfiguren, die wie eine marschierende Armee in einer Ecke der Kammer aufgestellt war. „Sollen das Uschebtis sein? Ihr Aussehen deutet doch darauf hin, oder? Sieben Stück, wenn ich richtig zähle. Liegen Uschebtis normalerweise nicht im Sarg?”

Seehausens Strahl folgte dem seines Assistenten. „Du meine Güte! In dieser Größe würden sie schwerlich in einen Sarg passen. Derartige Uschebtis sind mir noch nicht untergekommen, aber… da ist noch etwas. Sehe ich richtig? Die Uschebtis tragen Waffen. Das sind doch eindeutig Lanzen, Pfeile und Bögen? Unglaublich.” Seehausen machte einige Schritte vor, blieb stehen, sah sich um und trat dann am Sarkophag vorbei vor die Statuen. „Tatsächlich. Keine Gerätschaften für die Feldarbeit, was üblich wäre, sondern Kriegswerkzeug. Solche Uschebtis habe ich in meiner ganzen Laufbahn als Archäologe – und das sind immerhin schon über zwanzig Jahre – nicht gesehen.” Er räusperte sich. „Michael, ich glaube, wir haben etwas ganz Außergewöhnliches entdeckt. Nach dieser Grabkammer müssen wir das Wissen, das wir über die alten Ägypter haben, neu überdenken. Ich kann die verdutzten Gesichter meiner werten Kollegen kaum erwarten. Schauen wir uns mal den Stelen und die Wandzeichen an. Möchte doch zu gern wissen, wer hier liegt.”

Seehausen und sein Assistent Gerber durchquerten die Kammer und leuchteten die Schriftzeichen an den Wänden ab. Dann gingen sie vor dem Sandsteinblock in die Hocke. Seehausen fuhr mit den Fingern nachdenklich durch sein Haar, das durch die Jahre, die er unter der ägyptischen Sonne verbracht hatte, hart wie Draht geworden war und meliertem Marmor glich.

„Wirklich merkwürdig. Keine Hinweise auf die Identität des Toten.”

„Das Relief zeigt eine Abbildung von Seth, würde ich meinen.” Gerber beugte sich vor und strich mit den Fingern die eingemeißelten Linien im Stein nach. „Ein Menschenkörper mit einem undefinierbaren Tierkopf.”

„Eine Mischung aus Ameisenbär, Esel und Hund. Es ist Seth, der Herr Oberägyptens.” Seehausen erhob sich und ließ erneut seinen Lichtstrahl über die gemalten Zeichen an den Wänden tanzen. „Nach der Wandbeschriftung zu urteilen, stammt dieser Seth aber nicht aus der prädynastischen Periode, was bedeutet…”

„Dass unser Seth hier nicht gerade ein liebenswerter Gott ist.” Gerber lachte.

Seehausen nickte. „Lassen wir die Scheinwerfer aufstellen. Vielleicht finden wir etwas über die Identität des Toten im Sarkophag. Allerdings, seltsam ist es schon, dass es keinen Hinweis auf dem Stelen gibt.” Er wandte sich den Tonkrügen zu, kniete sich vor ihnen hin und nahm sie, einen nach dem anderen, in die Hand. „Die Eingeweide scheinen noch da zu sein. Also, an den Kanopen kann ich nichts Ungewöhnliches bemerken.” Er stellte den letzten Krug beiseite und stand mit einem Ruck auf. „Holen wir die Arbeiter und öffnen wir endlich den Sarkophag.”

Grelles Scheinwerferlicht erhellte die Grabkammer. Stimmen und Geräusche hallten zwischen den Wänden wider. Schatten huschten über die Decke, den Boden und die Wände. Seehausen und Gerber traten neben den Sarkophag. Ägyptische Hilfskräfte setzten behutsam Meißel an und begannen, die Steinplatte vom Unterbau zu lösen. Als die Platte sich bewegte, holte Seehausen scharf Luft.

„Vorsicht! Um Himmels willen, passt auf! Die Seilwinde… holt sie ran!”

Gerber hob den Kopf. „Was war das?”

„Wieso? Was meinst du?” Seehausen drehte sich zu ihm herum.

Gerber zog die Augenbrauen zusammen und blickte über die Schultern nach hinten, dann sah er zur Seite und nach vorn. Über seiner Nasenwurzel zeigte sich eine tiefe Falte.

„Die Uschebtis. Ich glaube, sie haben sich bewegt. Und vorhin kam es mir so vor, als ob irgendwer gewispert hätte. Aber, das kann nicht sein, nicht wahr?” Er lachte unsicher.

„Das kommt nur von dem Licht und der Atmosphäre hier. Man sieht, dass du noch nicht an vielen Ausgrabungen teilgenommen hast. Aber du bist noch jung. Das wird schon noch. Ich geb’s zu, diese Grabkammer ist ganz schön unheimlich. Mach dir nichts draus.” Seehausen grinste, wandte sich erneut dem Sarkophagdeckel und den Arbeitern zu. „Nun aber los! Langsam hochziehen!”

An Seilen hängend schwankte die schwere Platte Stück für Stück in die Höhe. Seehausen richtete einen Scheinwerfer auf das Innere des steinernen Sarges. Plötzlich stutzte er.

„Halt! Senkt den Deckel noch mal ab! Ich glaube, ich habe etwas gesehen.”

Die Platte schwebte langsam herunter und legte sich mit einem dumpfen Geräusch zurück auf seinen Platz.

„Was ist das? Michael, sind dir vorhin diese Zeichen aufgefallen?”

„Nein.” Gerbers Augen folgten Seehausens Handbewegung. Seehausens Finger glitten über eine kleine Abbildung von Seth und einer Reihe Hieroglyphen.

„Du meine Güte! Michael, lies mal, was da steht!” Er wies mit dem Zeigefinger auf die Schriftzeichen.

Hinter Seehausen und Gerber setzte Gemurmel ein. Füße scharrten unruhig auf dem Boden. Plötzlich schien die drückende Wärme in der Kammer wie weggeblasen zu sein. Seehausen zuckte unter der Berührung eines eisigen Luftzuges zusammen.

„Dies ist ein schlechter Ort”, hörte er hinter sich den ägyptischen Vorarbeiter in Englisch sagen. „Wir sollten die Ruhe des Toten respektieren, dieses Mal wenigstens. Hier hat Seth seine Hand im Spiel. Seth bedeutet nichts Gutes.” Ein Arm schob sich an Seehausen vorbei und deutete auf die Abbildung des Gottes. „Seth bringt Unglück und Tod.”

Seehausen wirbelte herum. „Was für ein Unsinn. Seth ist zwar nicht der Sympathischste unter den Göttern, aber Angst vor diesem Toten zu haben ist vollkommen unbegründet. – Also gut…” Er atmete tief durch und machte mit der Hand eine wegscheuchende Bewegung. „Ihr könnt gehen. Gerber und ich schaffen es auch alleine. Wir sehen uns die Holzsärge und die Mumie an und verschließen den Sarkophag wieder. Morgen bereiten wir dann den Abtransport vor.”

Der Vorarbeiter nickte. Flüsternd übersetzte er Seehausens Worte. Ein Aufatmen schien durch die Reihe der ägyptischen Arbeiter zu gehen. Seehausen blickte ihnen mit gekrauster Stirn nach, als sie mit schnellen Schritten den würfelartigen Raum verließen und sich durch die schmale Öffnung in den dahinter liegenden Gang zwängten.

„Abergläubisch wie die Menschen in den alten Zeiten.” Er drehte sich wieder zu seinem Assistenten herum und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen erneut die Hieroglyphen.

„Ich würde sagen, es ist ein Warnspruch”, sagte Gerber und streckte seinen Rücken. „Hmm… kommt das öfter vor? Eine Warnung am Sarkophag? Ich nehme an, deshalb haben die Grabräuber ihn nicht angerührt. Sie hatten eben bessere Augen als wir.”

„Ich verstehe das nicht.” Seehausen schüttelte den Kopf. „Ich könnte schwören, dass diese Abbildung und die Zeichen vorhin noch nicht da waren.” Wieder schüttelte er den Kopf. „Der Tote war auf jeden Fall, nach der Goldbemalung des ersten Holzsarges zu urteilen, ein hohes Tier. Also, was kannst du entziffern? Wie lautet der Spruch?” Seehausen blickte Gerber auffordernd an.

Gerber räusperte sich. „Wer die Ruhe des Toten stört, von… den Uschebtis… heimgesucht wird. Jammern… und Klagen… soll dann die Welt erfahren.”

„Wie Angst einflößend. Nur gut, dass wir moderne, aufgeklärte Menschen sind. Aber ganz sicher hat dieser Spruch die Grabräuber verjagt. Jetzt bin ich gespannt auf die Dinge, die die Särge verbergen.” Seehausen grinste, wandte sich ab und ging zu der Seilwinde hinüber.

Hinter den Sanddünen ging feuerrot die Sonne unter. Seehausen und Gerber saßen vor ihrem Zelt und betrachteten ein Amulett und Schmuckstücke, die sie vor sich auf einen niedrigen Tisch ausgebreitet hatten.

„Höchst sonderbar.” Seehausen kratzte sich hinter dem Ohr. „Nichts ist in dieser Grabanlage so, wie ich es kenne. Derartige Ringe und Armreifen habe ich noch nie zuvor gesehen.”

„Die Totenmaske ist eine Abbildung des Gottes Seth. Überall Seth. War der Tote zu Lebzeiten etwa verrückt? Ein Mächtiger, der sich mit Seth identifiziert hat? Einer, der Chaos und Unruhe stiftete und sich darin wohlfühlte. Ein Irrer eben, so wie Nero.”

Seehausen zuckte die Schultern. „Wer kann das sagen? Aber vielleicht lösen wir das Rätsel später. Manches braucht eben seine Zeit.” Er gähnte und stand von seinem Stuhl auf. „Ich denke, ich sollte mich jetzt aufs Ohr legen. Also, schlaf gut, Michael. Gute Nacht. Morgen sehen wir weiter.”

Etwas hatte ihn geweckt. Abrupt fuhr Seehausen auf seiner Pritsche hoch. Angespannt saß er da, lauschte und starrte in das Halbdunkel seines Zeltes.

„Hallo! Ist da wer?”

Er hielt den Atem an und horchte. Als er nach Minuten noch kein Geräusch vernahm, schüttelte er den Kopf.

„Ich muss geträumt haben”, murmelte er.

Er sank zurück, schob die Hände unter seinen Kopf und horchte mit klopfendem Herzen. Das leise Singen des Wüstenwindes drang in seine Gedanken. Eine Plane flatterte. Irgendwo fiel etwas um. Seehausen schnellte erneut in den Sitz.

„Verdammt! Hier stimmt was nicht.”

Er sprang auf die Füße und wandte sich dem Zeltausgang zu. Ein eisiger Hauch streifte ihn, gefolgt von einem Geräusch, das wie das schwere Atmen eines Menschen klang. Seehausen erstarrte. Wenige Schritte vor ihm schälten sich sieben kleinkindergroße Gestalten aus einem Schatten. Seehausen stieß die Luft hart aus.

Die Uschebtis, schoss es ihm durch den Kopf.

Er starrte die Uschebtis an. Die Gestalten hoben ihre Lanzen. Seehausen wich zurück. In die Augen der Uschebtis trat ein Glühen, ein Glühen, das an Intensität zunahm, bis es aussah, als lodere das Feuer der Hölle in ihnen. Seehausen schüttelte sich. Er spürte, wie kalter Angstschweiß aus seinen Poren schoss und sich klebrig auf seine Haut legte.

„Mensch, du hast meinen Schlaf gestört!”, dröhnte eine tiefe Stimme hinter ihm.

Seehausen schwang herum. „Wer bist du?”

„Du weißt, wer ich bin! Ich habe euch Menschen gewarnt! Niemand weckt Seth. Nun werde ich euch mit Gewalt, Hunger und Elend heimsuchen, denn ich bin der Gott, der Unordnung und Chaos sät!”

„Nein! Das Alles gibt es nicht!”, schrie Seehausen. In wilder Panik wirbelte er im Kreis herum. „Wo… wo steckst du?”

„Nirgends und überall, so wie das Böse, das den Menschen Frieden und Zukunft raubt. Blicke in die Augen meiner Diener und du wirst sehen! Sieben Plagen sollen von jetzt ab über die Menschheit kommen.”

Seehausen stöhnte, als er spürte, wie sich zwei unsichtbare Hände an seinen Kopf pressten und ihn herumrissen. In den Flammen, die in den Augenhöhlen der Uschebtis zuckten, zeichneten sich Bilder ab.

„Die Plagen, die Gott über die Ägypter sandte, um Moses ziehen zu lassen, o mein Gott!”

„Ja, ruf ihn nur!” Die Stimme lachte. „Wie du siehst, war er ein gelehriger Schüler von mir. Und nun, Mensch, stirb!”

Seehausen spürte, wie das Blut abrupt aus seinem Kopf wich. Mit vor Grauen weit aufgerissenen Augen sah er, wie die Uschebtis zum Wurf ansetzten. Als die erste Lanze ihn traf, taumelte er zurück. Bei der zweiten krümmte er sich. Bei der dritten brach er zusammen. Er schrie vor Schmerzen auf, als die vierte, die fünfte und die sechste in seinen Körper drang.

Dann hörte er das Zischen der siebten Lanze. Er öffnete den Mund, doch aus seiner Kehle drang nur noch ein Röcheln, das leiser wurde und… erstarb.


  1. ein anderes Pseydonym

    Nunja… etwas zu weit an “der Mumie” orientiert und insgesamt im ersten Teil vorweg zu viel Information, sodass es sich anfangs etwas belehrend liest. Dennoch wird eine gewisse Spannung aufgebaut.
    Vielleicht mag es sich für “Nichtkenner” des Filmes Die Mumie besser lesen. Dann hat es sicher auch die Nötige Spannung und Aufklärung.

Leave a Comment


You must log in to post a comment.