von Franziska Ring

Die Buslinie 7 hielt jeden Tag, einmal morgens, einmal abends, an der Haltestelle Gartenfeld in Westerhaven. Es war der erste Zwischenstop auf dieser Strecke, die von dem 500 Seelen-Dorf innerhalb von etwa einer halben Stunde in die nahegelegene Stadt führte. Wenn der Bus dort am Morgen hielt, kam er direkt von der Sammelstelle der Verkehrsgesellschaft und war so immer relativ gepflegt – außer den üblichen, altersbedingten Verschleißerscheinungen, wie den langsam durchgesessenen Sitzbezügen oder dem verkratzten Flurbelag.

Der Busfahrer, ein schmaler hochgewachsener Mann mit grauem, lichtem Haar und einem, gar nicht so zum Deckhaar passen wollenden, dichtem Schnauzer, war, seit die Buslinie vor vielen Jahren hier das erste Mal gehalten hatte, immer derselbe gewesen. Jeder, der kein Auto besaß oder aus anderen Gründen die Busfahrt vorzog, war gezwungen, die einzige Linie, die das Dorf anfuhr, die 7, in die Stadt zu nehmen. So war das Leben der Dorfbewohner auf eine gewisse Art und Weise mit dem Busfahrer verknüpft. Doch niemand hätte sagen können, wie er hieß, oder wo er wohnte. Das einzige, was man mit Sicherheit sagen konnte, war, dass er nicht aus dem Dorf stammte, denn in Westerhaven kannte jeder jeden.

Vor allem bei den Schulkindern waren Horrorgeschichten über den mysteriösen, da unbekannten Busfahrer beliebt, die sie sich während der Fahrt zur Schule hinter vorgehaltener Hand und ängstlichem Blick nach vorne, zuflüsterten. So hielt sich beispielsweise seit Generationen von Schulkindern hartnäckig das Gerücht, dass der Mann in Wirklichkeit ein Außerirdischer sei und nur deshalb den Bus fahre, um unbemerkt seine Studien an den Menschen zu betreiben.

Der Busfahrer wusste von alldem nichts und hätte sich vermutlich auch nicht dazu geäußert, hätte er davon erfahren. Er schien stets dasselbe, freundlich-distanzierte Gesicht zu tragen, das einerseits nichts von dem Mann dahinter erahnen ließ, andererseits aber respekteinflößend wirkte. Keines der Kinder hätte sich jemals getraut ein Wort, das über das alltägliche „Guten Morgen – Guten Abend“ hinausging, an ihn zu richten – so wild sie auch hinter seinem Rücken über ihn fabulierten, oder vielleicht gerade deswegen. Auch von den erwachsenen Fahrgästen hatte niemand mehr als die üblichen Floskeln mit dem Mann gewechselt, da sie kein wirkliches Interesse an dem Mann hatten, in Gespräche miteinander verwickelt waren, oder schlichtweg ihre Ruhe haben wollten. Dem Fahrer selbst schien das Recht zu sein. Zumindest hatte es nie den Anschein gehabt, dass er mit der Beziehung, in der er zu seinen Fahrgästen stand, unzufrieden war.

Es war ein Samstagmorgen. Einer, an dem man, nachdem man aufgestanden ist und zum Fenster hinausgesehen hat, den dringenden Wunsch verspürt, sich augenblicklich wieder zurück ins Bett zu verkriechen und für den Rest des Tages auch dort zu bleiben. Der Herbst hatte begonnen und die gelegentlichen Windböen trieben den Nieselregen fast senkrecht durch die kühle Luft. Die Fahrgäste hatten sich Schutz suchend unter das Dach der Haltestelle gedrängt und warteten auf die Ankunft der 7.

Schon von weitem konnte man den Bus kommen hören, sein Motorgeräusch war unverkennbar. Sehen konnte man ihn jedoch erst, als er um die Ecke der Postfiliale gebogen war und dann geradewegs auf die Haltestelle zuhielt.

Zischend öffnete sich die Tür, als er die Haltestelle erreicht hatte und der Busfahrer begrüßte die ersten Einsteigenden. Nur fünf Fahrgäste waren es heute, da nur wenige am Wochenende zur Arbeit in die Stadt fahren mussten. Als sich auch der letzte gesetzt hatte, legte der Mann den Gang ein, warf einen Blick in den Rückspiegel – nicht, dass ein Auto auf der Straße zu sehen gewesen wäre – und fuhr langsam los.

Der Bus schien seit Inbetriebnahme der Route derselbe zu sein. Abgesehen von seinem äußeren Erscheinungsbild merkte man ihm, genau wie seinem Fahrer, das Alter an. Beim Anfahren knackte es im Fahrwerk und von Zeit zu Zeit klemmten die Türen, so dass der Fahrer beim Öffnen nachhelfen musste. Doch so lange das Fahrzeug fuhr, schien die Busgesellschaft nicht in Erwägung zu ziehen es auszutauschen.

Die Fahrt der 7 führte nach dem Passieren des Ortsschildes Westerhaven, das etwa zweihundert Meter von der Haltestelle entfernt war, zunächst an zwei Bauernhöfen vorbei und dann durch eine kleine Strecke im Wald, die im Sommer besonders beliebt war, wenn die Hitze im Bus teilweise unerträglich wurde. Die Route war allen im Bus bekannt. Nur einmal in all der langen Zeit war die Strecke kurzzeitig eine andere gewesen, weil ein umgestürzter Baum die Straße blockierte, als ein schwerer Sturm gewütet hatte. Die Gemeindeverwaltung hatte Tage gebraucht, bis endlich ein passendes Räumfahrzeug organisiert worden war.

Umso erstaunter reagierten die Fahrgäste nun, als der Bus plötzlich, inmitten der Strecke, die durch den Wald führte, eine scharfe Rechtswendung machte und in einen kleinen Weg einbog, den keiner der Fahrgäste jemals bemerkt hatte, aber gerade breit genug schien, um befahren werden zu können.

Erstes Getuschel kam auf. Die fünf Fahrgäste tauschten fragende Blicke. Als der quietschende und klappernde Bus durch ein Schlagloch fuhr, wurde das Gemurmel kurzzeitig lauter und ein Mann, durchschnittliche Figur, blondes, kurzes Haar, erhob sich aus dem uni-hellgrünen Sitz.

Halt an den Kopfteilen der Sitze suchend, die den Mittelgang flankierten, ging er nach vorne auf den Fahrer zu. Die anderen verstummten.

„Entschuldigung“, begann der Blonde, als er vorne angekommen war, „das ist nicht die übliche Strecke in die Stadt. Ist etwas mit der normalen Route?“

Der Fahrer sah nicht auf.

„Ist die Hauptstraße vielleicht gesperrt?“ Er zog die Augenbrauen hoch.

Der Fahrer schüttelte den Kopf, woraufhin der Blonde mit gerunzelter Stirn nach hinten zu einer Frau sah, die ein paar Sitze vor ihm gesessen hatte. Sie wich seinem Blick aus.

Es war völlig still geworden und die Konzentration eines jeden Businsassen war nach vorne gelenkt. Diejenigen, die zuvor Musik gehört hatten, hatten sich die Hörer aus den Ohren genommen und warteten darauf, dass irgendetwas passierte.

Der Blonde, der sich jetzt sichtlich unwohl in seiner Rolle als mutiger Aufklärer fühlte, wandte sich wieder dem Fahrer zu. Er spürte den Druck, der auf ihm lastete.

„Warum fahren wir dann durch den Wald?“, fragte er etwas zu unsicher und nestelte mit einer Hand an seinem Hemdkragen. Es schien ihm unerträglich heiß.

Wieder keine Antwort. Gerade als er seinen Kopf seufzend nach vorne hatte fallen lassen und überlegte, was er nun tun sollte, ruckte es und der Bus hielt an.

Die Fahrgäste sahen verstört umher und blickten einander hilflos in die Gesichter, als könnten sie dort die Antwort auf ihre Frage bekommen, die so offensichtlich im Raum schwebte. Nervös rutschten sie auf ihren Sitzen umher und begannen im Flüsterton miteinander zu sprechen. Als der Fahrer die Hand ausstreckte und nach etwas griff, das sich als das Mikrofon des Busses herausstellte, ruhten wieder alle Blicke auf ihm. Keiner wagte sich zu rühren.

„Marina Hertz und“, er blickte zu dem Blonden auf, der neben ihm stand, „Sie, Marius Falk, bitte aussteigen.“

Die Türen öffneten sich. Kurz verharrte der Blonde, stieß ein ersticktes Lachen aus und ging nach hinten, zuerst zu dem Sitz, in dem er gesessen hatte und wo seine Aktentasche lag, die er nun nahm, dann weiter zu der Frau, der er zuvor den Blick zugeworfen hatte.

„Was soll das hier alles?“ Sie blickte nach draußen, unangenehm berührt, im Mittelpunkt zu stehen.

„Der weiß wie wir heißen“, war alles was der Blonde herausbrachte. „Woher kennt der uns?“ Geistesabwesend wankte er auf die geöffneten Mitteltür zu.

„Du willst jetzt wirklich hier aussteigen?“ Sie sprach jetzt lauter und sah ihm hinterher.

„Komm.“

Die Frau schien einen Moment lang zu überlegen, nahm schließlich fluchend ihre Tasche und verließ den Bus. Der Blonde wartete schon draußen.

Das Letzte was die verbliebenen Businsassen, die das Geschehen gebannt durch das Fenster beobachteten, von der Frau hörten, war ein wutentbranntes: „Weißt du überhaupt wo wir sind? Das ist mindestens eine dreiviertel Stunde bis zum Dorf zu laufen!“

***

Sie hatte ihre Tasche neben seinen Aktenkoffer gelegt und sah dem Bus nach, der sich wieder in Bewegung gesetzt hatte und weiter auf dem Waldweg fuhr.

„Was passiert hier eigentlich gerade?“ Die Frau blickte sich um. „Der Busfahrer ist doch absolut gestört.“ Sie gestikulierte wild mit ihren Händen.

„Besser als weiter mit dem Irren im Bus zu sitzen. Wer weiß wohin der mit den anderen fährt.“

Sie stieß ein zischendes Geräusch aus.

Der Blonde nahm seinen Aktenkoffer und begann in die Richtung, aus der sie gekommen waren, zu laufen.

„Wenn ich geahnt hätte, dass mir heute ein Waldlauf erster Güte bevorsteht, hätte ich meine Hundert-Euro-Pumps nicht angezogen“, fluchte sie. „Und dann noch dieser scheiß Regen.“

Tatsächlich nieselte es immer noch leicht, was den Wind kälter erschienen ließ, als er eigentlich war.

Schweigend liefen sie hintereinander her. Er immer ein paar Meter vor ihr. Nach etwa zwanzig Minuten hatte der Regen aufgehört und die Frau begann etwas aufzuholen. Neben ihm angekommen, legte sie dem Blonden ihre Hand auf die Schulter.

„He warte mal“, sagte sie in einem sanfteren Tonfall als zuvor. „Ich kann nicht mehr.“

Er blieb stehen und zeigte auf ein paar Baumstämme am Wegrand, die dort gelagert waren.

Sie nickte lächelnd und griff spielerisch nach seiner Hand.

„Nicht jetzt“, sagte er genervt und entzog sich ihr.

Die Frau stöhnte auf. „Meine Güte Marius. Hier sieht uns kein Mensch. Deine Frau ist zuhause bei deinen Kindern und macht denen wahrscheinlich grade das Frühstück, die gute Hausfrau, die sie ist.“ Sie zog ihre Jacke aus und legte sie auf den feuchten Baumstamm, bevor sie sich darauf setzte. Dann sah zu ihm hoch. Er hatte sich mit dem Rücken zu ihr hingestellt.

„Nein. Das ist es nicht.“

„Was ist es denn dann Süßer? Hat dir der verrückte Busfahrer die Laune verdorben? Noch könnten wir was aus dem Tag machen.“ Sie wagte einen zweiten Versuch, streckte die Hand aus und berührte seinen rechten Arm.

Der Blonde drehte sich um und sah sie an. Dann ergriff er ihre Hand und ließ sich neben sie ziehen. Sie näherte sich seinem Gesicht.

„Ich weiß nicht.“ Er wich etwas zurück.

Die Frau verschränkte die Arme und seufzte.

„Was?“

„Ach ich weiß auch nicht. Irgendwie ist die ganze Situation…“ Er überlegte, als er nach dem passenden Wort suchte. „Komisch. Wir kennen uns gar nicht. Richtig meine ich. Eigentlich überhaupt nicht. Wir fahren fast jeden Tag zusammen im Bus zur Arbeit und dann abends wieder heim. Trotzdem haben wir noch nie ein Gespräch geführt, das länger als fünf Minuten war.“

Sie sah ihn abwartend an.

„Im Bus reden wir nicht miteinander, weil wir befürchten, dass jemand uns anmerkt, dass wir was miteinander haben. Bei unseren heimlichen Treffen muss auch alles immer ganz schnell gehen.“

„Marius.“ Die Frau sah ihn ungläubig an. „Wir haben eine Affäre. Mehr nicht. Ich dachte da wären wir uns einig.“

„Schon. Irgendwie.“

„Ich will und muss nicht alles von dir wissen“, fuhr sie fort. Sie lächelte als sie hinzufügte: “Und außerdem bist du hier der Mann. Du solltest mir sagen, dass alles nur eine Affäre ist und nicht mehr.“

Er nickte und stieß ein gequältes Lachen aus. Dann: „Also willst du mir nichts von dir erzählen?“

Sie schüttelte genervt den Kopf.

„Wenn du so scharf drauf bist, dann erzähl du doch was von dir.“

„Naja“, er sah zu Boden. „Ich weiß nicht. Also, ich wurde in Westerhaven geboren…“

Er hörte sie neben sich lachen, fuhr aber fort. „Ich bin nie weggezogen und habe hier auch meine Frau kennen gelernt.“

„Interessant. Deine Tussi, wie…“

„Meine Frau…“

„Deine FRAU, wie heißt die eigentlich?“

„Jutta.“

„Aha.“

„Wir haben uns auf einem Dorffest kennen gelernt. Ich meine gekannt habe ich sie schon vorher. Vom Sehen halt. Jeder kennt ja jeden hier. Dürftest du ja sicherlich inzwischen auch mitbekommen haben.“

„Das ist ja wie ein Klischee. Die Dorfjugend trifft sich auf einem Fest, entdecken nach Jahren ihre Empfindungen, kriegen ein paar Kinder und…“

„Jutta hat früher auch gearbeitet. Dann haben wir uns entschieden Kinder zu bekommen.“

„Marius…“

„Ja?“

„Deine Frau interessiert mich einen Scheißdreck.“

Er sah sie schweigend an und blickte dann zu Boden. Sie sah zu ihm rüber.

„Versteh mich nicht falsch. Wir haben eine Affäre. Aber das hier ist grad ein bisschen zuviel. Ich will das nicht wissen.“

„Ok. Ich dachte vielleicht könnten wir uns ein bisschen näher kennen lernen. Du schienst mir ganz nett zu sein.“

Sie schlug sich die Hände vors Gesicht.

„Marius“, nuschelte sie hinter vorgehaltener Hand, „Wir haben uns vor zwei Jahren getroffen, als ich hierher gezogen bin, fanden uns nett, du wolltest ein bisschen Abwechslung, fandest es spannend mit einer Großstadtmieze ins Bett zu gehen…“

Er wollte protestieren.

„Unterbrich mich nicht. Ich weiß, dass ich Recht habe.“ Die Frau machte eine Pause, bevor sie weitersprach. „Verstehst du? Wir haben Sex. Ich will dich nicht kennen lernen. Ich will nicht mit dir befreundet sein.“

„Hmhm. Darf man fragen wie es kam, dass du hierher gezogen bist oder ist das zuviel?“

Sie schüttelte resignierend den Kopf. Er kapierte es nicht.

Sie antwortete in einem gereizten Tonfall: „Ich habe mich von meinem Mann getrennt. Er wollte Kinder, ich nicht. Er wollte Karriere machen, ich sollte daheim bleiben. Das wollte ich nicht. Da hab ich mir einen Job in der Stadt gesucht und bin ich hierher gezogen, weil ich die Idee ganz nett fand nach so langer Zeit in der Stadt wieder aufs Land zu ziehen.“

„Du willst keine Kinder?“

„Och Marius.“

„Was!“

„Ja ich habe mich bewusst gegen Kinder entschieden. Ich will nicht die brave Hausfrau für euch Männer spielen, die während ihr den ganzen Tag unterwegs seid, zuhause auf die Kinder aufpasst. O.k.? Zufrieden?“ Sie war wütend. „Schau dir deine Frau doch an. Nichts anderes als eine Hausschlampe, die für dich…“

Er erhob sich, nahm seine Aktentasche und entfernte sich langsam von ihr.

„Was?“, hörte er sie, „habe ich dich jetzt beleidigt? Habe ich deine Frau beleidigt?“ Abfällig lachend fügte sie hinzu: “Hast du gerade gemerkt was du an ihr hast und was du ihr antust, wenn du mit mir fremdgehst? Mein Gott, wie süß!“

Er ging weiter.

***

Der Bus hatte den Wald inzwischen verlassen und fuhr jetzt auf einer Straße, die, rein von der Logik her betrachtet, eine Parallelstraße der normalen Route der Linie 7 sein musste.

Die Fahrgäste hatten sich enger zusammengedrängt und beratschlagten sich. Gerade hatte der Bus eine kleine Kuppe überquert, als in ein paar hundert Metern vom Straßenrand entfernt, auf der linken Seite, ein kleines Haus auftauchte. Großzügig bis zum Straßenrand von einem Gartenzaun umgeben, schien es verwittert und unbewohnt.

Der Bus hielt an. „Johannes Gerber. Hier aussteigen“, verkündete die Stimme des Fahrers monoton.

Ein alter Mann mit Schiebermütze, unter der sein weißes, strähniges Haar hervorquoll, zuckte unmerklich zusammen und blickte nach vorne.

„Ich bin zu alt für sowas“, rief er krächzend und verschränkte, wie um seine Weigerung auszusteigen deutlich zu machen, die Arme.

Der Busfahrer öffnete die Türen. Im Bus wurde es kälter, als eine Böe hereingeweht wurde. Trotzig drehte sich der Alte zum Fenster und sah nach draußen. Sein Blick fiel auf das Haus. Plötzlich runzelte er die Stirn und kniff die Augen zusammen. Er nahm die Brille ab und putzte sie mit einem Stück seiner verschlissenen, braunen Cordjacke. Dann sah er wieder nach draußen. Die anderen blickten schweigend immer wieder zwischen dem alten Mann und dem Haus her, das er nun so gebannt betrachtete. Sie versuchten zu erkennen, was er dort draußen sah, was sie nicht sahen. Aber da war nichts. Nur das alte, verwitterte Haus.

Als der Alte aufstand presste sich die Frau, die neben ihm gesessen hatte ein Stück tiefer in ihren Sitz. Zielstrebig wankte er zur Bustür, den Blick weiterhin auf das Haus gerichtet, etwas fixierend, das keiner erkennen konnte.

Die Tür schloss sich und der Busfahrer legte den ersten Gang ein.

***

Seine Schiebermütze fest an seinem Kopf drückend, sah der Alte sich um, nachdem er ausgestiegen war. Der Wind blies stärker als vorher. Die Gegend kam ihm seltsam bekannt vor. Musste sie ja auch. Eigentlich. Er war hier geboren und aufgewachsen, hatte seine komplette Lebenszeit, 87 Jahre, hier verbracht und war dabei natürlich auch über die Grenzen Westerhavens hinaus gekommen. Trotzdem konnte er sich nicht daran erinnern an diesem Ort tatsächlich schon einmal gewesen zu sein. Auch das Haus hatte etwas in seinen Erinnerungen wachgerüttelt, als er es beim zweiten Hinschauen im Bus deutlicher betrachtet hatte. Noch konnte er nicht sagen, was genau das war.

Langsam schritt der Alte auf das hölzerne Gartentürchen zu, von dem der weiße Lack schon seit langer Zeit abgeblättert war. Er musste etwas fester dagegen drücken, bis es sich öffnete, da die Scharniere vom Rost befallen waren. Er befühlte das Holz, als würde seine Beschaffenheit ihm etwas über die merkwürdigen Gefühle verraten, die ihn bedrängten – auf eine merkwürdig angenehme Art und Weise.

Durch den gigantischen Vorgarten des Hauses schreitend, bemerkte der Alte hier und da Überreste, die er als das zu erkennen meinte, was früher einmal ein recht eindrucksvolles Gartenbeet gewesen sein mochte. Als er die Veranda erreicht hatte, an der selbst der Zahn der Zeit schon lange nicht mehr zu nagen schien, blieb er stehen. Dann blickte er hinab auf die erste Stufe und nahm sie. Oben angekommen, sah der Alte sich um. Die Tür des Hauses war nur angelehnt und quietschte, wenn sie vom Wind bewegt wurde.

Ein Schaudern durchlief ihn, als er sich die Haustür näher betrachtete. Wie konnte das sein? Sie erinnerte ihn nur allzu deutlich an die Tür auf einem Foto, das im Wohnzimmer seiner Eltern gehangen hatte und ihr Haus, beziehungsweise den Eingang ihres ersten Hauses in Ostdeutschland zeigte, bevor sie hierher, nach Westerhaven, gekommen waren.

„Ich muss mich täuschen…“, murmelte er zu sich selbst, „das kann nicht sein.“

Er schob die Tür vorsichtig ein Stück weiter auf und betrat den Flur, auf dem sich Blätter und Ungeziefer breitgemacht hatten. Er fragte sich wie lang das Haus schon leer stehen mochte, als er durch eine Tür schritt, die ihn in die Küche führte. Sein Blick fiel auf ein paar Teller, die schmutzig neben dem Spülbecken standen. Er ging näher darauf zu und befühlte das Porzellan fast ehrfürchtig. Erstickt flüsterte er: „Wo bin ich hier? Was hat das zu bedeuten?“

Er erkannte das Geschirr als dasjenige, oder zumindest sah es dem verblüffend ähnlich, wie er sich einredete, wie das, was er und seine Frau, die vor zehn Jahren gestorben war, zur Hochzeit von deren Eltern bekommen hatten. Es war eine harte Zeit gewesen, die der Alte nach ihrem Tod durchgemacht hatte. Hinwegkommen, damit hatte er sich inzwischen abgefunden, würde er darüber nie. Er zitterte nun leicht und sein Gang war unsicher, wankend, als er sich an der Spüle abstützte, dem Geschirr einen letzten melancholischen Blick zuwarf und sich aus dem Zimmer schleppte. Kaum war er auf dem Flur angelangt, drang ihm eine leise Melodie ins Ohr, die er zuerst nicht lokalisieren konnte, dann aber feststellte, dass sie aus dem ersten Stock kommen musste. Ein Kinderlied. Keuchend zog er sich am Geländer auf die ersten Stufen der Treppe, die nach oben führte. Der Alte hielt inne und lauschte den Klängen, die er, soweit seine Erinnerungen reichten, schon kannte. Er verband sie mit seiner Mutter, die ihm, als er noch ein kleiner Junge war, eine Spieluhr geschenkt hatte, deren Musik er Abend für Abend, kurz vor dem Einschlafen gelauscht hatte.

Würde ein Fremder das Geschehen beobachten, angenommen er würde das hören und sehen können, was der Alte hörte und sah, dann würde er es sicher als merkwürdig, unheimlich beschreiben. Doch so angsteinflößend, wie alles vielleicht auf ihn hätte wirken sollen, so wenig schien der Alte diese Gefühle zu empfinden. Im Gegenteil. Lächelnd lauschte er der Musik, als würde er nun verstehen. Es war der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt. Er war bereit. Dann sank er auf der Treppe zu Boden und starb, während die Melodie des Kinderliedes immer langsamer wurde und auch die letzten Takte verstummten.

***

Die letzten zwei Fahrgäste im Bus, eine junge Frau, vielleicht 18, und ein Mann mittleren Alters, waren die letzten Insassen. Aufmerksam beobachteten sie jede Bewegung des Fahrers, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Etwa zehn Minuten waren nun vergangen seitdem der Alte Mann ausgestiegen war. Das Mädchen begann unruhig auf dem Sitz hin und her zurutschen. Schließlich erhob es sich und ging zu dem Mann, der zwei Sitze hinter ihr saß.

„Hallo, ich bin Elisa“, sagte sie nervös, „Ich wollte sie fragen ob ich mich zu ihnen setzen kann. Das macht mir alles ein bisschen Angst hier.“

Der Mann bedeutete ihr sich zu setzen.

„Zehn Minuten noch bis zur Stadt“, sagte er.

Sie sah zu ihm auf und nickte. Dann wandte sie ihren Blick wieder dem Fahrer zu.

„Ich weiß zwar nicht was das mit den anderen Leuten hier im Bus auf sich hatte, aber es sieht ganz so aus, als würden wir zwei unser Ziel erreichen.“

Das Mädchen errötete, als er „wir zwei“ sagte. Sie sah zum Fenster hinaus.

„Ich habe heute ein Vorstellungsgespräch in der Stadt.“ Noch immer war ihr Blick ihm abgewandt.

„So?“

„Ja. Ich werde Bankkauffrau lernen.“

„Klingt…“ er legte eine Pause ein und sah sie an als prüfe er, was für eine Antwort sie gerne hören wollte, „interessant.“

„Ja.“ Sie schaut ihn nun an, während sie sprach, „Der Filialleiter ist ein früherer Klassenkamerad meines Vaters, wissen Sie? Er meint…“

Der Bus hielt an. Sie waren etwa fünf Fahrminuten vom Stadteingang entfernt und hatten gerade wieder die übliche Route befahren.

„Elisa Hertel.“ Der Busfahrer sprach in sein Mikrofon und sah in den Rückspiegel.

Sie sah nach vorne und dann zum Mann neben ihr. Der zuckte hilflos mit den Schultern.

„Ich will nicht“, flüsterte sie ihm ängstlich zu.

Der Mann räusperte sich und sagte dann nach vorne gerichtet: “Was werden Sie tun, wenn sie einfach sitzen bleibt? Uns umbringen?“ Er wünschte augenblicklich das nicht gesagt zu haben.

Vom Fahrer kam keine Antwort. Das Mädchen saß noch immer starr in dem Sitz. Der Mann neben ihr sah abwartend nach vorne.

“Elisa Hertel. Steig hier aus“, tönte es wieder.

Als sie wieder sitzen blieb, sahen die beiden, wie sich vorne etwas tat. Der Busfahrer zog die Handbremse, erhob sich langsam aus seinem Sitz, wobei er sich auf dem Lenkrad abstützte. Der Motor lief noch immer. Sehr, sehr langsam bewegte er sich in den hinteren Teil des Busses.

„Elisa“, sagte der Mann, „hast du ein Handy dabei?“

„Ja.“

„Steig aus. Es ist nicht mehr weit bis zur Stadt. Du läufst vielleicht zehn Minuten. Vielleicht nimmt dich auch jemand mit. Wenn’s ein Problem gibt, hier ist meine Handynummer.“ Er gab ihr ein Visitenkärtchen aus seinem Jackett.

„Geh jetzt. Es bringt nichts sich mit diesem Irren hier anzulegen.“

Sie griff nach ihrer Handtasche, steckte die Visitenkarte hinein und lief zur mittleren Bustür. Der Fahrer hielt inne. Als er sah, dass sie ausstieg drehte er um.

Seufzend sah der Mann, nun der letzte Fahrgast, zum Fenster hinaus. Es hatte wieder angefangen zu regnen.

***

Zuerst bemerkte das Mädchen den Regen gar nicht, der sich auf sie ergoss. Vielmehr beschäftigte sie die Absurdität der Situation, in der sie sich befand. Sie stand am Rand der Straße, auf dem der Bus gewöhnlich in die Stadt fuhr. So wie auch heute. Nur eben ohne sie. Sie würde im Gras laufen müssen, denn hier gab es keinen Weg oder Trampelpfad neben der Straße. Wieso auch. Hier ging für gewöhnlich niemand spazieren. Das Mädchen stieß einen Seufzer aus, der sie wieder in die Realität zurückbrachte und sie an sich hinabblicken ließ. Da stand sie also. In schwarzer Nadelstreifenhose, einem dazu passenden Blazer, weißer Bluse und Stiefeletten, die sie heute morgen in aller Frühe noch geputzt hatte. Allem Anschein nach umsonst, denn ihr Vorstellungsgespräch würde in zwanzig Minuten beginnen.

Sie ging los. So schnell es die hohen Absätze der Stiefeletten erlaubten. Wenn sie in zehn Minuten in die Stadt gelaufen wäre, könnte sie einen Stadtbus nehmen und mit dem zur Bank fahren. Es würde knapp werden, aber es war zu schaffen. Sie musste sich nur beeilen.

Ab und zu fuhr ein Auto an ihr vorbei. Die Insassen blickten sich fragend nach dem Mädchen um, als sie es passierten, aber keiner hielt an. Bemüht den Spritzern auszuweichen, die die Autos verursachten, wenn sie durch die kleinen Pfützen fuhren, die sich mittlerweile auf der Straße gebildet hatten, überlegte sie kurz Anhalter zu machen, entschied sich dann aber dagegen.

Ihre Tasche fest unter den Arm geklemmt und etwas nach vorne gebeugt, um ihr Gesicht vor dem Regen zu schützen, den ihr der Wind entgegentrieb, wurden ihre Schritte von Minute zu Minute fester, wütender. Die Situation fing langsam an ihr auf die Nerven zu gehen. Wenn es nach ihr ginge, wäre sie heute morgen nie in den Bus gestiegen und würde folglich jetzt auch nicht hier bei dem verdammten Scheißwetter am Straßenrand in die Stadt laufen müssen, um dort ein Bewerbungsgespräch zu führen, dass aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch erfolgreich sein würde, was sie eigentlich gar nicht wollte.

Das Mädchen fuhr sich energisch durch die Haare, die ihr immer wieder ins Gesicht geweht wurden. Wofür hatte sie den halben Morgen eigentlich im Bad verbracht? Sie spürte wie sich die Wut mehr und mehr anstaute. Ihre Beine fingen an vom schnellen Laufen in den hochhackigen Stiefeletten wehzutun. Ein paar Meter entfernt, erspähte sie einen kleinen Unterstand auf einer Wiese. Schlimmer konnten ihre Hose, die unten vollkommen mit Schlammspritzern übersät war und ihre Schuhe, an denen Matsch klebte, sowieso nicht aussehen. Sie ging ein Stück weiter in die Wiese hinein, auf den Unterstand zu. Nur für ein paar Minuten wollte sie warten bis der Regen nicht mehr ganz so schlimm war. Dort angekommen, setzte sie sich innen auf einen Querbalken und versuchte sich zu beruhigen. Erst jetzt bemerkte sie, wie aufgebracht und in Rage sie eigentlich war. Das Mädchen nahm ein paar tiefe Atemzüge. Die Sache mit der Ausbildung war vielleicht doch gar nicht mal so schlecht. Sie hatte im Dorf schon oft mitbekommen, dass Jugendliche in ihrem Alter zwar Abitur hatten, aber keine Anstellung fanden. Ihre Eltern hatten sich sogar angeboten ihr eine kleine Wohnung in der Stadt zu finanzieren. Zuerst ganz gerührt, angesichts der Tatsache, dass sie eine finanzielle Belastung auf sich nehmen wollten, war das Mädchen bald mehr und mehr unglücklich darüber geworden, denn in gewissem Maße fühlte sie sich dadurch unter Druck gesetzt. Die ganze Sache mit der Ausbildungsstelle war viel zu plötzlich gekommen. Kaum hatte sie die Realschule abgeschlossen, hatte ihr Vater auch schon eines Abends stolz verkündet, dass er soeben mit einem Klassenkameraden gesprochen hätte, der ihr eine Ausbildung zur Bürokauffrau besorgen könne – ohne sie überhaupt zu fragen, was ihr denn beruflich vorschwebte. Ihre Eltern hatten immer wieder auf sie eingeredet: Ein sicherer Platz in der Stadt. Das war vernünftig. Auch wenn es sich nicht so angefühlt hatte. Noch viele Male danach hatte sie das Gespräch mit ihren Eltern gesucht und ihnen versucht ihre Zweifel klarzumachen, in der Angst sie damit zu verletzen. Sie wollte sie nicht enttäuschen, nichts Falschmachen was sie später bereute. Überhaupt war sie inzwischen so verunsichert, dass sie das Gefühl hatte selbst nicht mehr zu wissen, was sie wollte.

Das Mädchen hörte wie der Regen langsam nachließ, denn das Klopfen der schweren Tropfen auf dem Holzdach war leiser geworden. Sie sah auf die Uhr. Nur noch fünf Minuten bis zu dem Gespräch. Sie erschrak, nahm ihr Handy aus der Tasche und suchte im Telefonbuch die Nummer des Schulkameraden ihres Vaters. Kurz bevor sie die Wählen Taste drückte hielt das Mädchen inne.

Sie ärgerte sich über sich. Selbst hier, vierzig Kilometer entfernt von ihren Eltern, schien sie mehr auf sie als auf sich selbst zu hören. Sie drückte die Nummer weg und steckte das Handy wieder in die Tasche. Eigentlich war sie selbst daran schuld, dass es soweit gekommen war, hatte sie doch bis jetzt nie richtig klar gemacht, dass sie ihre Entscheidungen für sich treffen konnte. Und vor allem wollte. Es würden Diskussionen folgen. Ja. Vielleicht war es sogar dumm so eine sichere Sache wie den Ausbildungsplatz abzuschlagen. Andere wären bestimmt froh darum gewesen. Ja, sagte sie sich. Andere, aber nicht ich. Den Vorwurf, dass sie eine sichere Stelle sausen ließ, würde sie sich selbst verzeihen können. Den Vorwurf, dass sie sich wissentlich gegen ihre eigenen Wünsche stellte nicht. Ihre Eltern würden das verstehen. Müssen. Wenn nicht, würde sie weitersehen.

Der Abstand zur Stadtgrenze vergrößerte sich, als das Mädchen kehrt machte. Sie würde, bis sie im Dorf angekommen war noch genug Zeit haben um sich die passenden Worte zurechtlegen.

***

Der Bus war an der Stadtgrenze angekommen. In etwa zwei Minuten würden sie die reguläre End-Haltestelle erreicht haben. Der verbliebene Mann stand auf und ging nach vorne. Jetzt, wo sie wieder in der Zivilisation waren, fühlte er sich sicherer. Als er beim Busfahrer angekommen war, stellte er seine Tasche vor sich auf dem Boden ab und fragte: „Für mich also keine Haltestelle abseits der Route?“

„Nein. Für sie nicht Herr Trier.“

Der Mann wartete ein paar Sekunden und sagte dann: „Sie wissen natürlich, dass sie mit einigen Beschwerden zu rechnen haben.“ Er wusste selbst nicht woher er den Mut genommen hatte das auszusprechen. Trotz, dass sie sich in der Stadt befanden, war er immer noch mit einem Mann im Bus, der offenbar nicht ganz klar im Kopf war.

„Natürlich. Das wäre zumindest zu erwarten.“ Er bog um eine Rechtskurve, vorbei an einer Parkanlage. In ein paar hundert Metern war schon das gelb-grüne Schild der Haltestelle zu sehen.

„Den Konjunktiv können Sie weglassen“, sagte der Mann.

Der Bus hielt und der Fahrer öffnete die Türen.

„Warum?“, fragte der Mann, als er seine Tasche genommen hatte und schon in der Tür stand.

„Was meinen Sie?“ Der Fahrer sah ihn an.

„Stellen Sie sich doch nicht so ahnungslos! Sie haben gerade vier Fahrgäste mitten in der Pampa rausgelassen.“

„Ich habe sie nicht gezwungen.“

„Was ist mit dem Mädchen?“

„Ja was ist mit ihr?“

„Sie wollte nicht. Da sind auf sie zugelaufen und haben sie damit eingeschüchtert. Was hätten sie gemacht, wenn sie im Bus geblieben wäre?“

„Sie ist nicht geblieben. Sie ist gegangen.“

„Das ist keine Antwort…“ Er merkte, dass diese Diskussion zu nichts führen würde. Der Fahrer war scheinbar wirklich einfach gestört. Er wunderte sich, warum es erst jetzt soweit gekommen war, dass so was wie das hier passierte und nicht schon viel früher. Er stand noch immer in der Tür.

„Warum genau bin ich eigentlich der einzige den sie normal in der Stadt abliefern?“

„Passt es ihnen nicht?“

Der Mann senkte den Kopf und stöhnte. „Doch…doch.“ Gott, war das anstrengend. „Aber warum?“

„Weil es eben so ist. Für die anderen war es Zeit früher auszusteigen.“

„Aha. Meinen sie die anderen sehen das genauso?“ Er lachte auf.

„Das wird sich zeigen.“

„Ich wage das zu bezweifeln. Sie können sie ja mal am Montag fragen, ob ihnen der kleine Querfeldeinlauf Spaß gemacht hat, wenn Sie dann noch nicht gefeuert wurden. Es wundert mich sowieso, dass hier nicht die Polizei auf Sie wartet.“

„Warum sollte sie?“

„Vergessen Sie’s.“ Er hob die Hand und stieg aus. „Tschüs.“

Hinter ihm schlossen sich die Türen und der Bus fuhr an.

Er war sauer. Irgendwie. Obwohl er als einziger keinen wirklichen Grund dafür hatte. Schließlich war er ja als einziger an seinem Ziel angekommen. Das alles schien ihn mehr mitgenommen zu haben, als er gedacht hatte. Er nahm sein Handy und wählte die Nummer der Auskunft, die ihn dann mit der Busgesellschaft verband.

„Hallo, Michael Trier hier, ich schätze sie haben heute schon einige Beschwerdeanrufe bezüglich des Fahrers der 7 erhalten…“

„Nein, wieso. Gibt es Probleme?“

Er stockte und sagte dann zögernd: „Ja, nein. Ich weiß nicht.“

„War denn etwas, über das Sie sich beschweren wollen?“, fragte die Frau am anderen Ende der Leitung höflich. „Ist der Bus nicht gekommen? Oder zu spät? Oder geht es um etwas den Fahrer betreffend?“

„Ich weiß nicht… Ich dachte bloß….“, der Mann sah zu Boden und schüttelte den Kopf. „Schon in Ordnung.“ Er legte auf.

Vielleicht waren sie einfach noch nicht zum Anrufen gekommen. Schließlich war es ja auch deren Sache sich zu beschweren. Spätestens am Montag würde er all die Leute wiedersehen. Dann würde er sie fragen können, ob und was sie unternommen hatten. Für jetzt beschloss er die Sache bei ich bewenden zu lassen und machte sich auf den Weg zu seiner Arbeit. Er war ohnehin schon spät.

Am Montagmorgen ging der Mann schon besonders früh an die Bushaltestelle, weil er hoffte, schon vor der Fahrt kurz mit den Fahrinsassen des letzten Samstags reden zu können. Zuerst sah er das Mädchen, Elisa, wie er sich erinnerte. Doch die stand nicht wie sonst an der Haltestelle, sondern saß auf dem Beifahrersitz eines Autos, das gerade an der Haltestelle vorbeifuhr und von einem Mann gelenkt wurde, der vermutlich ihr Freund war. Der Kofferraum war vollgepackt. Entweder fuhren sie in den Urlaub oder sie zog aus.

Gut, da waren ja noch ein paar andere.

Zum Beispiel der Mann, der als erstes zusammen mit dieser Frau ausgestiegen war. Es war so offensichtlich, dass die beiden ein Verhältnis miteinander hatten. Dass sie es so bemüht versuchten zu vertuschen, war lächerlich. Komisch, dass der Fahrer sie zusammen hinausgeschickt hatte.

Der Mann kam gerade auf die Haltestelle zugelaufen und blieb, ein paar Meter entfernt, stehen. Scheinbar hatte er nicht das Bedürfnis mit irgendjemand zu reden. Bevor er auf ihn zugehen konnte, kam ein Auto um die Ecke gefahren, hielt an der Haltestelle und sammelte den Mann ein. Der Mann am Steuer und er begrüßten sich freundlich. Dann fuhr das Auto Richtung Ortsausgang weiter. Ein Kollege? Vermutlich. Verwirrt schüttelte er den Kopf.

Dann sah er wie die Frau, die Affäre des Mannes, an die Bushaltestelle gelaufen kam. Ohne zu zögern, ging er auf sie zu.

„Hallo. Ich weiß nicht ob Sie sich an mich erinnern, aber ich war letzten Samstag auch im Bus. Sie wissen schon, als der irre Busfahrer ein paar von ihnen rausgeworfen hat.“

Sie nickte. „Ja. Und?“

Wie ja und? Er hatte empörte Schimpftiraden erwartet, aber nicht ‚ja und’.

„Haben Sie denn schon eine Beschwerde eingereicht?“

„Nein. Nicht nötig.“ Damit schien für sie das Gespräch beendet. Sie drehte sich von ihm weg und begrüßte eine andere Frau, die auf sie zuging.

Er fühlte sich irgendwie verarscht. Was hier gerade passierte war nicht minder komisch, als die Situation am Samstag im Bus.

Als die 7 pünktlich um die Ecke bog, sah er sofort, dass ein anderer Fahrer den Bus fuhr. Also hatte sich anscheinend doch jemand beschwert. Er nickte zufrieden. Es gab also doch Gerechtigkeit.

Der Mann setzte sich ganz vorne an die Tür. Vielleicht würde er später die Chance bekommen den neuen Fahrer zu fragen was mit seinem Vorgänger passiert war.

Als alle eingestiegen waren, merkte er, dass er den Alten noch gar nicht gesehen hatte, der eigentlich sonst immer montags im Bus gewesen war, wahrscheinlich, um in der Stadt zum Arzt zu gehen, hier in Westerhaven, gab es ja keinen. Die Türen schlossen sich mit einem Zischen.

Irgendwie, ging es ihm durch den Kopf, war alles wie sonst. Und trotzdem ein bisschen anders. So, als wäre etwas passiert, was den Alltag ein Stück aus seinen Fugen gedrängt hatte. Etwas, wovon er nicht die geringste Ahnung hatte.

Der Bus fuhr los.


  1. janne

    eine interessante idee und ein gutes ende, das raum für interpretationen lässt. die sprache – besonders die guten dialoge – machen das geschriebene zu jedem zeitpunkt lebendig… hat mir großen spaß gemacht, diese geschichte zu lesen!

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