von Susann Obando Amendt

Wenn es einen Wecker auf der Welt gibt, der seinem Ruf über alle Maßen gerecht wird, dann unserer. Er klingelt nicht, er dröhnt, und sein Dröhnen hämmert sich in meinen Kopf.

Halbwach wälze ich mich im Bett herum, greife nach dem Weckgespenst und ringe ihm noch zehn Minuten Ruhe ab. Dann stelle ich ihn wieder auf den Nachttisch und schaue zu Kati hinüber.

Schlummernd liegt sie neben mir, die Haare verstrubbelt, die Beine angewinkelt. Sie sieht so zerbrechlich aus, und ich habe Angst um sie. Doch sage ich ihr das, glaubt sie mir nicht.

Männer sind alle Lügner, sagt Kati, besonders dann, wenn sie von der Liebe reden. Oder vom Ozonloch, als sei es etwas, das sich zu jeder beliebigen Zeit wieder zustopfen ließe.

Oder vom Klimaschutz, von dem sie noch immer annehmen, er würde sich bewerkstelligen lassen, indem man den CO2-Ausstoß ein bisschen reduziere und Spendengelder für den Erhalt des Regenwaldes sammle.

Die letzten Jahre hätten gezeigt, wie weit es mit dem Wissen von uns Männern her sei, sagt Kati. Wir hätten die Wahrheit ignoriert, die der Natur und die der Liebe, und für diese Arroganz seien wir bestraft worden. Doch die Frauen, die trügen die Zeche.

Nun, auf jeden Fall ist eines eine Tatsache: Wir Männer sterben aus.

Ob das Ozonloch schuld daran ist, das ist noch nicht erwiesen.

Erwiesen ist nur, dass immer weniger männliche Nachkommen geboren werden. Und wenn doch mal einer das trübe Tageslicht unseres Planeten erblickt, dann bleiben ihm knapp 30 Jahre, um für Nachwuchs zu sorgen, denn spätestens dann wird er unfruchtbar.

Wenn das alles stimmt, bleiben mir noch sieben Jahre, um meine biologische Notwendigkeit zu erfüllen. Aber nur, wenn dieser Prozess nicht schneller abläuft, als von den Experten ausgerechnet wurde. Von Männern eben. Und Männer sind alle Lügner.

Das propagiert der Womans Channel.

Wie ich den hasse! Bin ich denn ein Lügner? Ich weiß, was ich will, wofür ich lebe. Ich habe immer von einer Familie geträumt, von Zusammenhalt, von Vertrauen und davon, schlechte Zeiten zu überstehen. Ich habe es zur Genüge genossen, Wesen einer aussterbenden Art zu sein. Keine Ahnung, wie viele Kinder in dieser Stadt meine sind, aber ein paar werden es schon sein, nur eben nicht wirklich meine.

Keines habe ich je zu Gesicht bekommen, und das will ich ändern.

Zusammen mit Kati.

Meine Kumpels halten mich für verrückt, weil ich bei einer Frau hängen bleibe und alle meine Tommys an sie verschwende, obwohl mir die ganze feminine Welt offen steht. Aber ich scheiß auf die Welt. Ich will nur Kati.

Das kleine Zimmer haben wir als Kinderzimmer hergerichtet – mit einer Wiege und vielen Kuscheltieren. Die warten schon seit einem Jahr auf ihren Spielkameraden, hoffen, dass er bald kommt. Und ich hoffe mit.

Aber Kati beginnt panisch zu werden, weil die ersehnte Schwangerschaft ausbleibt. Sie fürchtet, ich könnte die Lust an ihr verlieren und abhauen.

Dass ich sie liebe, glaubt sie mir nicht. Männer sind ja alle Lügner.

Sie hat mit einer dieser Diäten begonnen, wie sie der Womans Channel zeigt, eine Diät, die ihr verspricht, dass Männer auf eine so schlanke und knackige Figur stehen, besonders dann, wenn sie mit einer künstlichen Oberweite aufgepeppt worden ist. Und genau so eine wollte Kati haben.

Also habe ich ihr das Geld dafür gegeben. Dabei gefällt sie mir so, wie sie ist. Das habe ich ihr mehrmals gesagt. Doch das Fernsehen verbietet ihr Vertrauen zu mir.

Ich werfe einen Blick auf den Wecker. Es wird Zeit.

Heute ist Katis Geburtstag. Sie hasst Geburtstage wie alle Frauen. Trotzdem hat sie es mir übel genommen, dass ich den letzten vergessen habe. Doch an den heutigen habe ich gedacht.

Heute wird sie 30.

Ich schwinge die Beine aus dem Bett, stehe auf und spähe durch zwei Lamellen der geschlossenen Jalousie.

Der Seitenflügel gegenüber scheint zum Greifen nah.

Er und unserer und das Vorderhaus umschließen einen engen Hinterhof, auf dessen Pflastergrund nie einer der aggressiven Sonnenstrahlen fällt.

Aus diesem Grund wurden sämtliche Balkone zum Hof hin angebaut, und auf einem dieser Balkone, auf dem gegenüber, sitzt eine Frau.

Ich nenne sie in Gedanken nur „die Nachbarin” und tue so, als würde ich sie nicht sehen, um Kati nicht zu verletzen.

Aber sie zu übersehen ist genau so schwer, sitzt sie doch jeden Morgen nur in Unterwäsche da. Heute trägt sie blau. Ihre langen Beine baumeln zwischen den Streben der Brüstung, während sie vor sich hinstarrt und ihren Blick von Zeit zu Zeit zu unserer Wohnung schweifen lässt.

Sie weiß, dass ich hier wohne. Und ich weiß, dass sie allein lebt.

Ihr Typ war schon lange nicht mehr da. Wahrscheinlich hat eine andere Braut ihr den Kerl abgejagt, wahrscheinlich eine mit größeren Brüsten. So ist das heutzutage.

Die Frau gegenüber hat einen kleinen Busen. Ich stehe auf klein, besonders dann, wenn es von zarter Spitze verdeckt ist.

Hinter mir regt sich Kati und ich zucke zurück.

Die Jalousie wackelt, und als ich wieder hindurch spähe, ist der Balkon gegenüber leer. Ich öffne das Fenster und zupfe an meiner Hose.

Kati. Richtig. Heute wird sie 30.

Unter meinen Freunden ist keiner, der sich mit einer Braut abgibt, die älter als 30 ist. Aber Kati ist keine Braut. Im Gegenteil. Sie ist eine der wenigen Frauen, die einen Mann fürs Leben abgekriegt hat.

Warum nur freut sie sich nicht darüber?

Da geht der Wecker wieder los.

Kati fährt aus dem Schlaf hoch, greift nach dem Ding, und ehe ich mich versehe, zischt es an mir vorbei – durch das Fenster hinaus und zerschellt irgendwo auf dem Pflasterhof.

Verdutzt gucke ich dem Wecker nach, dann wieder zum Fenster gegenüber. Wieder steht sie da, die Nachbarin. Dieses Mal ist sie nackt.

Schnell krieche ich zu Kati unter die Bettdecke, doch sie schlägt ihre Finger nach mir wie eine Katze ihre Krallen.

„Ich sagte, heute nicht”, faucht sie mich an und springt auf. „Ein für allemal, ich bestimme wann! Nicht du!”

Sie verschwindet im Bad und knallt die Tür hinter sich zu.

Verwirrt liege ich auf ihrem Kissen und atme ihren Duft ein. Dann rappele ich mich auf und eile in die Küche.

Ich hätte mir nie träumen lassen, dass das mit der Liebe so schwierig ist. Ich meine, ich bin doch anders als meine Kumpels, die nur zum Schäferstündchen kommen und sich dafür entlohnen lassen.

Es gibt unendlich viele Frauen, die auf diese Art von Angebot eingehen, ist es doch wesentlich billiger als die Insemination beim Frauenarzt.

Und Angst vor Folgekosten muss kein Mann haben, denn die Regierung hat wegen der prekären Nachwuchssituation die Pflicht zur Alimente längst abgeschafft.

Ich lausche auf die Laute aus dem Bad. Dann stelle ich Kerzen auf den Küchentisch, zwei Stück, eine Drei und eine Null, und schließe die Vorratskammer auf, der einzige Ort der Wohnung, den Kati nie betreten würde – aus Angst, von den Leckereien in den Regalen verführt zu werden. Hier habe ich die Rosen versteckt. Und den Obstkorb.

Gestern Mittag habe ich beides nach Hause gebracht, vor den Augen der Nachbarin. Ungläubig hat sie mir nachgestarrt, als ich die Treppe zu unserer Wohnung hinaufgegangen bin. Dass Männer Frauen Blumen schenken, ist laut Womans Channel eine unbewiesene Behauptung aus alten Büchern. Und dass Männer mit Geschenken kommen auch.

Ich grinse unwillkürlich, als ich den Obstkorb auf den Tisch stelle, denn etwas anderes als Obst isst Kati nicht mehr, und wenn ich noch so viel vor herabgesetzter Fruchtbarkeit warne. Lieber hört sie auf den Womans Channel.

Als letztes hole ich die Eintrittskarten hervor, Premierenkarten für das neue Musical. Danach könnten wir essen gehen. Vielleicht klappt es ja mit dem Nachwuchs, wenn Kati wieder mehr isst.

Hinter mir nähern sich Schritte.

Ich drehe mich um und sehe Kati mit einem durchgeführten Ovulationstest in der Hand. Sie starrt auf den Tisch, von den Rosen zu den Premierenkarten und dann auf den Obstkorb.

„Du Heuchler!”, schreit sie, springt mich an und trommelt mit beiden Fäusten gegen meine Brust. „Du hältst mich doch für zu dick! Ich hab es die ganze Zeit gewusst. Gib zu, du lässt deinen Samen längst bei einer anderen!”

Ich halte ihre Hände fest, doch Kati reißt sich los.

„Das ist doch das letzte!”, schimpft sie und rennt zurück ins Schlafzimmer. Ich höre, wie sie den Fernseher einschaltet.

Langsam gehe ich ihr nach. Kati hockt auf dem Fußboden und starrt auf den großen Wandbildschirm. Wieder läuft dieser Womans Channel mit den Diättipps, den drolligen Turnübungen und Ratschlägen für eine starke Frauenpsyche. Kati bemerkt mich, springt auf, saust in die Küche.

Peinlich genau wiegt sie die Zutaten für ihr Morgenmüsli ab. Stumm löffelt sie das Zeug in sich hinein und wartet verzweifelt auf das Sättigungsgefühl. Ich mache mir Kaffee und esse Salzerdnüsse aus der Dose. Kati starrt mich wütend an.

„Stellst du dir das unter einer fruchtbar machenden Ernährung vor?”, faucht sie. „Kein Wunder, dass ich nicht schwanger werde. Warum gebe ich mich überhaupt mit dir ab? Du liebst mich doch gar nicht. Diese Karten sind der Beweis!”

Sie hält die Premierenkarten hoch.

„Wenn du mich lieben würdest, dann wärst du längst in die Apotheke gegangen und hättest mir zu meinem Geburtstag diese neuen Fruchtbarkeitsvitamine bestellt, die so teuer sind. Das ist meine Zukunft!”

„Ich dachte, mit dem Obst mache ich dir eine Freude”, sage ich zerknirscht. „Freude ist ein Baustein für unsere Familie, für unsere Zukunft.”

Kati atmet geräuschvoll ein.

„Wir haben keine Zukunft”, sagt sie verächtlich. „Wenn ich schwanger bin, ist dein Dienst getan, dann kannst du gehen, mir egal wohin. Ich kenne keine Frau, die einen Mann braucht.”

Wieder verschwindet sie im Bad und ich stehe da wie vom Donner gerührt. Schließlich ziehe ich mich an, nehme die verfluchten Premierenkarten und gehe, obwohl es für den Job noch viel zu früh ist.

Unten an der Treppe wartet die Nachbarin. Sie hat nichts an unter ihrem blauen Bademantel, und sie stellt sich mir in den Weg.

„Ich will dir ein Geschäft vorschlagen”, sagt sie und zeigt mir ein Bündel Geldscheine. „Ich hoffe, du nimmst an.”

Ich starre sie an, dann schiebe ich mich an ihr vorbei auf die Haustür zu.

Sie eilt mir hinterher.

„Ich zahle das Doppelte!”, ruft sie ängstlich und hält mich fest. „Es ist doch nur, du weißt schon. Es geht nicht ohne Mann.”

Ich denke an meinen Traum, an eine Familie und an Kinder, die im Hof auf dem Klettergerüst herumtollen und sich die Knie aufschlagen.

Die Nachbarin fasst meine Hand. Willenlos lasse ich mich von ihr die Treppe hinauf ziehen. Ich ertappe mich dabei, dass ich ihr auf den Po starre, wahrscheinlich, weil er so rund ist und der von Kati längst seine Form verloren hat.

In ihrer Wohnung bietet sie mir Whiskey an. Ein Stück Haut blitzt unter dem Bademantel hervor, obwohl sie jetzt versucht, ihn geschlossen zu halten.

„Ich wollte immer viele Kinder haben”, sagt sie plötzlich. „Verrückt, nicht wahr? In Zeiten wie diesen von Kindern zu reden, wo ich doch fast schon 30 bin.”

„Ich wollte auch immer Kinder”, sage ich und betrachte sie mit zusammengekniffenen Augen. „Aber man findet heutzutage keine Frau mehr, die bleibt.”

Sie starrt mich an, ich stelle das Whiskeyglas zur Seite und streife ihr den Bademantel ab.

Später im Halbschlaf höre ich, wie sie aufsteht und hinausgeht. Ich höre den Womans Channel mit seinen Hasstiraden, wie sie klatscht und buht, sobald es um uns Männer geht.

Mir scheint, dass wir wirklich Lügner sind.

Wir belügen uns selbst und wollen die Dinge einfach nicht so sehen, wie sie in Wirklichkeit sind: Männer und Frauen passen nicht zu einander.

Vielleicht sollte ich dabei bleiben und ab sofort Geld für den Sex verlangen, genau wie meine Freunde.

Immerhin bleiben mir noch sieben Jahre.

Dann hätte ich vorgesorgt für die lange Zeit der Sterilität, könnte hier im Haus leben und Bilder malen über die wilden Zeiten, und mit einem bisschen Glück könnte ich eines meiner Kinder aufwachsen sehen.


  1. Gudrun Sperzel-Völk

    Hallo, Susann, gefällt mir gut, die Mischung aus Tragik und Humor. Gutes timing, flotte Wechsel, super Spannungsbogen, unspektakulärer, aber toller Schluss. Ich bin nur froh, dass ich diesen Womans Channel nicht reinbekomme. Mir reichen fünf Sender – genug, um sich über unsere Mitmenschen lustig zu machen.

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