von Rosemarie Bühler

Berührung

Überrascht sah sie zu ihm auf. Er war ein großer Mann, kurzes, dichtes Haar mit grauen Einschlüssen, energisches Kinn, grün-graue Augen mit kleinen, gelben Punkten darin. ‘Merkwürdige Augen’, war ihr spontaner Gedanke, bevor das, was er gesagt hatte, ihre bewusste Wahrnehmung erreichte:

“Ich bin Gregor.”

Lena reichte ihm die Hand, und die Art, in der seine große, warme Hand die ihre umfasste und drückte, erschien ihr fast wie eine Intimität, das Ineinandergleiten der empfindsamen Innenseite ihrer Hände, sein Daumen, der sich über ihrem Handrücken schloss – es war ihr fast wie das Wiederfinden und Wiedererkennen einer lang vermissten Berührung. Über ihren ineinanderliegenden Händen sahen sie sich an in jenem Gemisch aus natürlicher Zurückhaltung und Neugier, die man an den Tag legt, wenn man einem bisher unbekannten Menschen mit spontaner Sympathie begegnet, in das sich schon ein Gefühl des Miteinander-Vertraut-Seins mischt.
Einen selbstvergessenen Augenblick lang sah Lena in diese grün-grauen Tigeraugen. Einen Moment zu lang sah sie in seine Augen, bemerkte das Erstaunen einer aufkeimenden Frage in ihnen und wandte ihren Blick wie ertappt ab, etwas zu hastig, fand sie, weil das abrupte Abwenden ihres Blicks die vorher gezeigte Intensität bestätigte, anstatt sie abzuschwächen.

Sie löste ihre Hand aus der seinen und setzte die Bewegung wie zur Tarnung ihres Rückzuges fort, indem sie ein Taschentuch aus ihrem Pulloverärmel zog, sich etwas abwandte und sich überflüssigerweise die Nase putzte. Sie ärgerte sich über sich selbst, aber dennoch war dieses Gefühl nicht stark genug, um es ihrer erneuten Verunsicherung wie eine Schutzhaube überzustreifen.

Nähe

Der Bus brachte die Passagiere über das Rollfeld zu der draußen wartenden Maschine. Es regnete beim Aussteigen, und alle drängten zur Gangway, Farbtupfer von aufgespannten Schirmen schwebten über der sich langsam die Treppe hinaufschiebenden Menge. Auf der obersten Stufe wandte Lena den Kopf, die bunten, gebogenen Kreisflächen, unter denen die Menschen verschwanden, wären vielleicht ein Foto wert gewesen.

Sie ließ den Apparat wieder sinken. Am Fuß der Gangway stand Gregor, hochgeschlagener Mantelkragen, glitzernde Feuchte in seinem Haar, das sich zu kräuseln begann und lächelte zu ihr hoch. Überrascht öffnete sie beim Einatmen die Lippen und erwiderte sein Lächeln mehr mit den Augen als mit dem Mund. Nein, ein Foto konnte sie jetzt nicht mehr machen, er würde annehmen können, ihr Interesse habe ihm gegolten.

Die Kabine war lang und schmal, nicht ganz ausgebucht, der Platz neben Lena blieb leer. Wie schön, dachte sie, ich kann die Beine besser ausstrecken und vielleicht noch ein wenig Schlaf nachholen. Sie sah hinaus, der Regen hatte aufgehört, und eine wässrige Helligkeit hinter fast transparenten Wolken ließ die Sonne ahnen. Das Abheben war immer wieder ein Erlebnis für sie, die rumpelnde, brüllende Beschleunigung des Flugzeugs – sie fühlte sich wie auf dem Rücken eines überdimensionierten, geflügelten Rennpferdes… es rennt, es rennt… es fliegt!…die Landschaft, die sich wie in einem unendlichen, schnellen Zoom von ihr fortbewegte, schrumpfte, verschwand, bis die Kapsel, in der sie sich befand, eintauchte in eine dumpfe Wattewelt, geräuschlos, fern der Wirklichkeit. Das war der Moment, in dem sie ihr Seidentuch um Gesicht und Kopf zu wickeln pflegte, wohlige, warme Dunkelheit um die Augen, auch die Ohren in der seidigen Hülle abgeschirmt von Geräuschen und oft noch vom Druck des schnellen Aufstiegs verschlossen, das gleichmäßige Brummen der Motoren wie aus der Ferne.

Die Anschnallzeichen waren erloschen. Lena bückte sich zu ihrer Tasche unter dem Vordersitz und nestelte ihr Tuch heraus. Beim Wiederauftauchen aus der Enge zwischen den Sitzen stieß ihr Arm an einen anderen auf der schmalen Lehne. Überrascht sah sie in Gregors Gesicht.

“Ich dachte, ich leiste dir ein wenig Gesellschaft… wenn du magst.”

“Aber sehr gern.”

‘Warum bringen mich diese Augen schon wieder aus dem Tritt?’ Lena war irritiert.

Ihr Blick ging wieder nach draußen. Das Flugzeug war in eine leichte Rechtskurve gekippt, und das Sonnenlicht fiel nun geradewegs durch das Kabinenfenster und umschloss ihren Kopf mit einer transparenten, goldenen Haube. Sie schloss die Augen, genoss diesen kurzen Moment der Verklärung hoch über den Wolken und hoch über dem Regen an einem frühen Morgen außerhalb der Zeit, neben einem Mann, den sie gestern zum ersten Mal gesehen hatte und doch schon lange kannte. Es war ihr, als ob das Leben einen kostbaren Moment lang stillstand wie ein Film, dessen Bildlauf stockt, während sie selbst sich doch in der Wirklichkeit dieser einen Minute zwanzig Kilometer weiter bewegt hatten.

“Du bist schön, Lena.”

Gregor betrachtete ihr Gesicht, und es waren nicht die klaren Linien ihres Profils, nicht die sanften Schatten unter den ins Licht getauchten Wangenknochen, nicht die weit ausschwingenden Brauenbögen über den sehr dichten hellen Wimpern, die ihn das sagen ließen, es war auch nicht die verletzliche Grube am Ansatz ihres Halses, nicht der schöne, im Schatten der Mundwinkel verschwindende Bogen der Oberlippe über der etwas schmaleren Unterlippe, die ihrem Gesicht etwas Zartes, Verletzliches verlieh – nein, das alles war es nicht, das ihn das sagen ließ.

“Warum sagst du mir das, Gregor?” Lena hatte sich nicht bewegt.

“Ich weiß es nicht.”

Was es genau war, hätte er nicht sagen können; vielleicht war es das Innehalten in der Zeit, das Stillstehen zwischen dem, was war und dem, was kommen wird, wenn die Bewegung sich fortsetzt, dieser magische Moment der Ruhe, der die Scheide war zwischen dem Jetzt und dem Danach.

“Vielleicht habe ich es gesagt, weil ich etwas von dir gesehen habe, das ich nicht benennen kann. Etwas von deiner Kraft?”

Es war Ruhe in ihr und auch Sicherheit, die sie umhüllte wie eine dünne, warme, elastische Haut, durch die hindurch sie alles wahrnehmen und auch agieren konnte, ohne dass irgendjemand ihr selbst etwas hätte anhaben können.

Glück

Im Hinausgehen sah Lena sich noch einmal um, er schaute sie über die Köpfe hinweg an. Sie lächelte und senkte dabei den Kopf, ohne den Blick abzuwenden. Vor ihrer Zimmertür hatte er sie eingeholt. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, seine Hand lag auf ihrem Schulterblatt, sein Ellenbogen berührte ihre Taille, ihr Rücken flammte.

‘Was tue ich?’, zuckte es durch ihren Kopf. ‘Nein, nicht ich tue es, es tut es, es tut es mit mir.’

Sie schloss auf, Gregor schob die Tür hinter sich zu. Mit einer hilflos wirkenden Drehung ihres Körpers wandte sie sich ihm zu, ihre Augen flehten, seine Hände legten sich um ihre Schultern, über die seidige Kurve ihres Halses hinweg glitten sie zu ihren Wangenknochen und hoben sie hoch, sein Daumen strich über ihre leicht geöffneten Lippen.

“Bist du es?”

Ihr Mund hatte sich kaum bewegt, ihre Lider blieben geschlossen.

“Hast du jemand anderen erwartet?”

Seine Stimme an ihrer Schläfe war undeutlich, rau und tief, hatte alles Kernige verloren.

“Du weißt, dass du es bist, auf den ich gewartet habe…”

Seine Hände umschlossen wieder ihre Schulter, die Finger tastend unter die Ränder des Decolletés geschoben…

“… immer schon… zu lange…”

Er umfasste ihre Oberarme, während er seinen Händen zusah, wie sie die Ärmel ihres Pullis langsam herabschoben,

“… und doch nicht lange genug…”

wie sie wieder hinaufglitten zu dem Porzellan ihres Schlüsselbeins, der kleinen, klopfenden Grube dazwischen, wie sie herabwanderten und die festen Rundungen umhüllten, die begehrlichen Spitzen mit einem flüchtigen Streicheln vertrösteten, wie sie alle Verschlüsse und Hindernisse lösten, bis Lena wie eine Statue im Sockel ihrer Kleidung stand.

“Komm”, sagte sie, umfasste seinen Kopf und zog ihn hoch, “komm doch.”

“Du bist schön, meine Venus.”

Sie sahen sich an, und dieses Mal sagte er es, weil alles, was er betrachtete, seinen Mund und seine Augen und seine ehrfürchtigen Hände es sagen ließen; sie tauchten ein in die glatte Mulde zwischen den Abhängen ihrer Hüftknochen, strichen über das gekräuselte Gebüsch, glitten hinauf zu den Flanken ihrer Schenkel, umrundeten die Hügel, auf denen sie ruhten, bewegten sich wie ein schleichendes Tier auf seiner Suche nach Nahrung über alle Höhen und durch alle Täler dieser leuchtenden Landschaft, die es zu erforschen galt, bis sie gefunden hatten, was zu suchen sie vorgegeben hatten.

Sie sprachen nicht miteinander, aber sie sagten sich alles, der Worte bedurfte es nicht.

Zweifel

Lena saß neben Gregor, ihr Blick ging aus dem großen Panoramafenster des Busses weit vorauseilend bis zu den Hügeln am Horizont, gekrönt von der weithin triumphierenden Reklamesilhouette des schwarzen Stiers, sie hatte das Gefühl, als zögen ihre Augen ihn mithilfe der Kraft der Motoren immer schneller und immer größer werdend zu sich heran, bis er in einem nur noch undeutlich und verzerrt wahrnehmbaren Umriss an ihr vorbeischoss.

So ist es, dachte sie, eine Weile sehe ich etwas vor mir auftauchen, ich sehe, wie es auf mich zukommt, wie es an Deutlichkeit gewinnt, und dann ist es schon vorbei, ehe ich es genau erkennen kann. Sie senkte den Kopf und lehnte sich gegen seine Schulter.

“Was ist nur mit uns passiert, Gregor?”, fragte sie, ohne ihn anzusehen. “Aber vielleicht ist nur etwas mit mir passiert, und ich weiß nicht, warum.”

Sie hob ihren Blick und sah ihn kurz von der Seite her an, sie fühlte sich wie in einer Luftblase mit ihm unter Wasser eingeschlossen, noch befand sich die Umgebung außerhalb dieser schützenden Hülle, aber jederzeit konnte sie hereinbrechen, spätestens, wenn sie den Bus verlassen mussten, würde sie an die Oberfläche der Realität steigen und zerplatzen.

“Weißt du es, warum?”
Gregor schwieg eine Weile.

“Es gibt kein Gen für die Liebe”, sagte er schließlich, “das sich entschlüsseln ließe und begründen könnte, warum wir uns in diesen einen Menschen verlieben und in den anderen nicht.”

Er schwieg wieder.

“Die Liebe ist ganz einfach. Sie ist, wie sie ist, sie fragt nicht, sie antwortet.”

“Aber setzt eine Antwort nicht eine Frage voraus?”

Diesmal schwieg er länger, während er Lenas Profil zugewandt aus dem Fenster blickte, seine Augen folgten der vorbeifliegenden Landschaft in rhythmischen Bewegungen, ohne dass er sie wahrnahm.

“Ach Lena, …” seine Stimme war leise, manchmal stockend, “ich glaube, die Antwort, die die Liebe findet, setzt viel mehr voraus als… als eine Frage umfassen kann… sie gibt… und sie ist… eine Antwort auf Wahrnehmungen und Empfindungen… auf Bewusstes und Unbewusstes, … Warnungen und Einwände beantwortet sie mit nichts… als blanker Zuversicht und ewig neuer Hoffnung, du musst sie töten, eher gibt sie nicht auf…”

Lena wandte sich ihm zu. Sein Blick ging an ihr vorbei, die gelben, sprühenden Punkte in seinen Augen schienen erloschen, ein harter Zug lag um seinen Mund.

“Warum soll ich sie töten, sie tut mir gut.” Sie zögerte. “Wie lange?”, fragte sie. “Vielleicht nur eine Weile…?”

Gregor sah sie an, die bitteren Linien um seinen Mund waren verschwunden.

“Sie ist ein Geschenk, Lena. Nimm es an und frage nicht nach dem Verfallsdatum.”

Ahnung

Irgendwann in der Nacht – ihrem Zeitgefühl gelang es nicht, aus der Tiefe des Schlafs an die Oberfläche des Bewusstseins zu steigen –

nahm sie die Berührung von Händen und Armen wahr, die nicht Teil ihres Traumes waren, fühlte sich gehalten von der Kraft eines anderen Körpers an dem ihren, ihr Gesicht geborgen in der tröstenden Nische zwischen Hals und Schulter dicht am Ohr dieses Mannes, der ihr so vertraut war, eingehüllt von seinem Geruch und seinen Worten, schlafwandelnd zwischen Traum und Wachsein, ohne Furcht.

“Deine Tür war nicht verschlossen”, murmelte er, “wie hätte ich vorbeigehen können…”

***

Nur eine dünne, transparente Haut trennte sie vom Wachsein.

“…so soll es bleiben… bloß…

es bleibt wirklich… nichts

bleibt es… wirklich… nicht?…

es bleibt nichts… wirklich

wirklich, es bleibt… nichts

Nichts… bleibt… wirklich…”

Noch während der letzte Satz aus ihr herauskam, wurde sie wach, ihr Körper brannte, ihr Verstand konnte den Brand nicht löschen. War es eher ihr Unterbewusstsein im Zustand der Selbstbeobachtung, das die Wörter ihres Traumes so Sinn verändernd durcheinander geworfen hatte? Nichts bleibt?

Nichts bleibt.

Schmerz

“Es war schön mit dir, Lena, letzte Nacht.”

Gregor hatte ihr seinen Kopf zugeneigt, sah sie aber nicht an. “Es war wie in einer anderen, irrealen Welt, die es manchmal in der Nacht gibt, fast wie eine Heimkehr.”

Seine Hand berührte wie unabsichtlich streichelnd ihren Oberschenkel.

“Ich muss dir etwas sagen, Lena… jetzt ist es vielleicht noch früh genug…”

Er stockte und zog seine Hand zurück.

“…und ich kann es dir nicht sagen, wenn wir so zusammen sind,…”

Wieder stockte er. Sein Blick blieb geradeaus gerichtet durch die große Frontscheibe, Lenas Blick folgte dem seinen, aber sie sah nichts als das Grau der auf sie zustürzenden Straße. Ohne, dass er ein Wort gesagt hätte, wusste sie, was er nicht aussprechen wollte.

Sie lehnte sich wieder zurück. “Aber wir können uns sehen… von Zeit zu Zeit…?” Ihre Stimme trug eine vage Hoffnung in sich, hob sich zum Ende mehr wie in einer Frage denn in einer Feststellung.

“Vielleicht…”, er verharrte auf dem t am Ende des Wortes etwas länger, ehe er es ausatmete und hielt es in der Schwebe, als denke er über etwas nach, dann zuckte er mit den Schultern, “…ich weiß es nicht.”

Sie schwiegen.

Gefunden – verloren, gewonnen – zerronnen. Noch nicht einmal gewonnen, dachte Lena, noch nicht einmal das, was ist ein Gewinn, der dich einen Verlust kostet? Er ist nur die Erfahrung einer Möglichkeit.

“Willst du, dass ich nicht mehr zu dir komme?”

Sie fühlte seinen Griff um ihr Handgelenk; mit beiden Händen auf die Kante ihres Sitzes gestützt hatte sie sich nach vorn gelehnt, sie konnte ihn jetzt nicht ansehen, sie wollte nicht, dass er sie ansah. Sie kreuzte ihre Arme auf der Lehne des Vordersitzes und legte ihre rechte Schläfe darauf ab, ihre Augen folgten mechanisch den braunen Streifen der vorbeijagenden Landschaft.

Nach einer Weile fühlte sie Gregors zögernde Berührung wie eine Wiederholung seiner Frage.

Wie in einer Zeitlupe nahm sie ihre Abwendung zurück, bis ihr Rücken die Lehne wiedergefunden hatte.

“Komm”, sagte sie, “wie könnte ich dich abweisen, solange du da bist.”

Abschied

Und wieder Nacht.

Gegenwart, schon bald von Vergangenheit eingeholt,

Augenblick und Anhalten der Zeit.

Seine atmende Haut an der ihren

Der kraftvolle Bogen seines Rückens unter ihrer Hand

Die lange Furche, die ihn in der Mitte teilt

Die Kurve ihrer Hüfte, die sich nach seinem Gewicht sehnt

Der Schatten seiner Schulter vor der blass schimmernden Decke

Gehalten von seinen Armen in Trauer und Trost

Verdrängtes Wissen um die Leere danach

Geflüstertes, Geahntes, Gewusstes.

Dunkel und Feuerwerk

Wachen und Schlafen

Leben und Tod.


  1. pcl

    Diese Geschichte fühlt sich so schön an, so romantsich, zärtlich, liebevoll, sehnsüchtig und wahr an. Sie weckt in einem irgendwie das Heim- und Fernweh zugleich. Man will sofort weg, weiß aber nicht wohin.

    Sehr schön erzählt, bilderreich beschrieben, ganz nach meinem Geschmack.

    Vielen Dank für diese wunderbare Geschichte.

Leave a Comment


You must log in to post a comment.