von Stefanie Werbel

Träume sind oft wirr, außer sie sind noch bizarrer, zumindest meine. Letzte Nacht erst träumte ich von Einem, der sein Zimmer nicht verlies, aus Angst, die Hühner würden ihn sofort auffressen. Er hielt sich für ein Weizenkorn oder ein Gerstenkorn, oder was Hühner eben so essen. Vermutlich war er doch eher ein biologisch angebautes Dinkelkorn. Nun, jedenfalls lebte er auf einem Bauernhof. Und plötzlich war ich das Dinkelkorn, wie das in Träumen nun einmal so ist, und durchsuchte die „Schnapp” auf Stadtwohnungen. In der Stadt würde ein Korn, welcher Art auch immer, kaum Gefahr laufen von einem Huhn aufgepickt zu werden, hoffte ich. Der Traum endete, wie ich, in einem Brot, einem Roggenmischbrot.

Recht einfallsreich manchmal, mein Unterbewusstsein. Beinahe phantasielos kommt mir dagegen mein Gegenüber gerade vor. Jetzt in diesem Traum. Vielleicht ist er ein Roggenkorn, oder ein Hirsekorn, das sich für eine Sieben hält.

Sieben, sagte er, als ich ihn nach seinem Namen fragte. Sieben?, sagte ich. Sieben, sagte er. Als Name, wie Thorben, einfach nur Sieben?, sagte ich. Nein, die Zahl, sagte er. Wie die Zahl?, fragte ich. Nein, die Zahl, sagte er. Dabei sieht er gar nicht wie eine Sieben aus. Dennoch sieht er vertraut aus. Er scheint mir von irgendwoher bekannt. Ja, so gehe es ihm oft, sagt er darauf, ich glaubte oft, ihn zu kennen. Wir sitzen im Café und trinken Tee. Er sagt, er wundere sich mindestens einmal täglich, warum das Café, Café hieße und nicht anders. Für einen kurzen Moment schweigen wir, denn vom Nachbartisch treffen seltsame Blicke ein. Für einen Augenblick, machen mir die Blicke etwas aus und ich verstecke mich hinter der großen Karte. Und da ich in der Karte blättere, kommt der Kellner an den Tisch. Die Fahrkarten bitte, sagt er streng. Ich zeige  ihm meine, er stanzt ein Loch hinein, in Form eines Sternes, und wendet sich an den Nebentisch. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die ganze Welt etwas besser verstehe als ich, sage ich zu Sieben. Als ob ich der Einzige wäre, der sie nicht versteht. Und er, er sitzt da, als ob er jedes Rätsel entschlüsselt, das große Puzzle gelöst vor sich auf dem Tisch liegen hätte. Und er sieht abwechselnd mich und das Puzzle an und lächelt dann so unerträglich wissend. Warum sieben?, will ich wissen. Er lächelt immer noch und blickt auf den Tisch. Sie sei überall, sagt er, selbst dort wo sie nicht zu sein scheint. Wie auf einem Würfel, nicke ich. Er schaut auf, aber an mir vorbei und sagt, er glaube ich könne bald verstehen. Doch warum dann nicht acht? Er sieht enttäuscht aus. Nichts hast du verstanden. Ich pule mir am rechten Zeigefingernagel und schäme mich ein bisschen. Nein, ich verstehe nie etwas. Wenn ich ein Körperteil wäre, welches würde ich sein, frage ich ihn. Der Nachbar des kleinen Zehs am linken Fuß, antwortet er. Ja, diese Antwort habe ich befürchtet, ich habe sie schon immer gefürchtet, aber ich musste ihn dennoch fragen. Welches Körperteil wärst du?, frage ich und wir antworten beide gleichzeitig im Chor, dasselbe, denn die Antwort ist mir selbst eingefallen. Die gegenüberliegenden Zahlen auf einem Würfel ergäben immer genau die Zahl sieben, sage ich um vielleicht doch noch zu einem Körperteil mit eigenem Namen aufzusteigen. Eines, das sich nicht nur durch andere definieren lässt. Sieben wiegt seinen Kopf hin und her und während ich auf ein anerkennendes Wort warte, wundere ich mich, wie detailliert meine nächtlichen Träume sind. Doch er schweigt nur darüber. Ich vermute, er hat sich wieder seinem Puzzle zugewandt, denn er sieht nur starr auf den Tisch, der zwischen uns steht. Ich nutze die Stille zum Nachdenken. Warum sieben, warum nicht acht, zwei, hundertsechsunddreißig? Und warum überhaupt eine Zahl, warum nicht ein Buchstabe, oder vielleicht eine karierte Tischdecke, mit der ich das Puzzle verdecken könnte, auf das er unablässig starrt. Als hätte er meine Gedanken gelesen, lehnt er sich zurück, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und grinst mich an. Musst du etwa eine Geschichte über acht oder hundertsechsunddreißig schreiben? Er hat tatsächlich meine Gedanken gelesen. Nur dazu sei er da, sagt er. Da seine Aufgabe erledigt sei, würde er nun verschwinden. Und er verschwindet. Mit seinem Verschwinden erscheint eine blau karierte Tischdecke auf dem Tisch. Ich warte einen Augenblick, doch als nichts weiter passiert, hebe ich eine Ecke der Decke und sehe kein Puzzle, sondern eine Zeitung, deren aufgeschlagene Schlagzeile, Bäcker verbrennt in Ofen, lautet. Ich wundere mich erneut, schlage die Tischdecke ganz zurück und sehe eine zeitlang auf den Titel. Irgendwann lehne ich mich zurück verschränke die Arme hinter dem Kopf und grinse. Mein Unterbewusstsein muss kränker sein, als ich dachte, wenn ich so etwas träume, geht mir durch den Kopf. Ich weiß nicht, ob ich je wieder aufwachen werde, irgendwie bezweifle ich es.


  1. Manuel Hoffmann

    Gute Geschichte, gefällt mir.

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