von Astrid Hoff

Sanyu Nyakuni schlenderte, wie jeden Montagmorgen um halb acht, die Hauptstraße entlang. Als Grundschullehrerin begann der Berufsalltag für sie erst um acht Uhr. So konnte sie sich bei ihrem morgendlichen Weg zur Arbeit alle Zeit der Welt nehmen.

Sanyu stoppte am nächsten Zeitungskiosk und begann, die Nachrichtenblätter durchzugehen. Irgendetwas über den französisch-ugandischen Konflikt? Tatsächlich.

Sanyu zog die Zeitung aus dem Ständer und betrachtete das Titelbild.

Ein Kind. Etwa zehn Jahre alt und es trug eine Waffe.

Sanyu starrte das Foto an, nahm alles in sich auf. Die kindlichen Züge, der harte Ausdruck im Gesicht und die leeren, braunen Augen.

Auf einmal dachte Sanyu an diesen bestimmten Tag, damals, mit dem die schrecklichsten sieben Jahre ihres Lebens begannen.

Sie war auf der Suche nach Essen. Wie jeden Tag. Ihre Eltern besaßen nicht einmal das Mindeste für sich selbst, geschweige denn für die achtjährige Sanyu und ihre ein Jahr jüngere Schwester Samia. Aber so war das schließlich bei allen anderen hier auch.

Am Abend wollte Sanyu sich gerade auf die Suche nach Samia machen, als sie plötzlich etwas hörte. Es waren die rhythmischen Schritte vieler Menschen.

Truppen.

Sanyu wusste aus Erfahrung, was zu tun war und versteckte sich blitzschnell hinter den Blättern einer Palme. Eine Gruppe Soldaten marschierte vorbei. Es waren viele. Und die meisten von ihnen waren so jung…

„Mwaka hat gesagt, das sind Kindersoldaten.”

Sanyu fuhr erschrocken herum. Wütend versetzte sie ihrer Schwester einen Stoß, so dass diese rückwärts zu Boden stürzte.

„Was weiß denn Mwaka schon!”, zischte sie.

„Er weiß es”, behauptete Samia steif und fest, während sie sich aufsetzte. „Sein Bruder Byago ist da, schau!”

Sie zeigte auf einen Jungen, der wie die anderen ein Gewehr trug und wachsam in alle Richtungen sah.

„Mwaka sagt, Byago hat immer zu essen. Alle Kindersoldaten haben zu essen.”

Sanyu öffnete den Mund, um ihre Schwester zurechtzuweisen, als einer der erwachsenen Soldaten einen Befehl brüllte. Sanyu drehte den Kopf, doch im nächsten Moment lag sie schon auf dem Boden. Jemand zwang ihr Gesicht in den Dreck. Sanyu konnte Samia schreien hören. Und ohne zu wissen, was sie tat, begann sie zu brüllen: „Wir wollen auch Kindersoldaten werden!”

Museveni gesteht: „Ich habe Kindersoldaten eingesetzt.”

Sanyu bückte sich nach der Zeitung und las sich den Artikel mit zitternden Händen durch.

Nachdem am 30.04.2008 französische Truppen in Uganda einmarschiert waren und das Ultimatum an den ugandischen Präsidenten, Yoweri Kaguta Museveni, erneuert worden war, gab dieser überraschend nach. Er wurde als Kriegsgefangener nach Paris gebracht, wo ein Verfahren gegen ihn eingeleitet wurde. Im Verlauf dessen gab er gestern am späten Nachmittag zu, Kindersoldaten rekrutiert zu haben bevor, und nachdem er an die Macht kam. Diesen Vorwurf hatte er bis jetzt jahrelang abgestritten.

Lesen Sie mehr dazu auf Seite 3.

Schnell blätterte Sanyu um und las den vollständigen Artikel, der eine komplette Seite ausfüllte.

…EU verspricht, in Zukunft ein noch schärferes Auge auf die afrikanisch-frankophonischen Länder zu haben… zur Not Truppen auch in Angola und Burma einmarschieren lassen… im einundzwanzigsten Jahrhundert sei kein Platz für solch menschenverachtende Zustände…

Sanyu ließ die Zeitung sinken. Sie spürte, wie ihr eine Träne über die Wange lief. Dann noch eine, und noch eine. Sie weinte.

Sanyu hatte nicht geweint, als sie das erste Mal über fünfzig Kilometer hatte Waffen schleppen müssen und vor Erschöpfung zusammengebrochen war. Sie hatte nicht geweint, als man sie deshalb halbtot geprügelt hatte. Sie hatte auch nicht geweint, als einer der erwachsenen Soldaten sie das erste Mal vergewaltigt hatte. Selbst als Samia zu fliehen versucht und man Sanyu gezwungen hatte, sie zu erschießen hatte sie nicht geweint.

Doch jetzt weinte sie. Sie weinte um die sieben Jahre, in denen sie zugleich Opfer und Täterin gewesen war. Um sieben Jahre in der Hölle.


  1. Mika

    wow, mir fehlen erstmal die worte, nur wow
    sehr heftige geschichte, aber sehr toll geschrieben! sehr berührend! ausgezeichnet beschrieben, aber trotzdem sehr gut geeignet als kurzgeschichte!
    weiter so!

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